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Der Schirmherr

Immer ganz oben! Schutz, Trank, Lob und Schmuck. Ein Essay von Dr. Peter Nieveler.

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Der Schirmherr | Grafik: Sophie Dohmen
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„Warum nur heißt die weibliche Form zu »Schirmherr« nicht »Schirmfrau«, sondern »Schirmherrin«? – Antwort: „Er heißt ja auch nicht »Schirmmann«“. Ein »Herr« ist ja nicht einfach ein Mann, er ist ein vornehmer Mann, ein wichtiger Mann, ein Mann an der Spitze, ein Mann ganz oben! Und das gilt auch für die »Herrin«. Sie ist nicht bloß eine Frau, sie ist eine vornehme, eine wichtige Frau, auch sie ist immer ganz oben.

Der Schirmherr ist – so steht es in Dudens Universalwörterbuch in der letzten, der siebten Auflage von 2011 – „der offizielle Förderer, Betreuer einer seinem Schutz unterstehenden Institution“ oder Veranstaltung. Und bei allen Veranstaltungen unter seinem Schutz und Schirm darf er immer in der ersten Reihe sitzen oder ganz oben auf der Bühne stehen, wird er immer zuerst begrüßt, mit Gattin oder mit Gatten, noch vor der ebenso anwesenden hohen Geistlichkeit oder dem Landrat und dem Bürgermeister. Und die müssen auch nicht an allen Veranstaltungen des beschirmten Vereins oder Events teilnehmen. Der Schirmherr oder die Schirmherrin haben immer dabei zu sein – bei jeder Veranstaltung. Schließlich unterstehen die Veranstaltung wie die Veranstalter seinem „Schutz“. So steht es im Duden. Er muss sie betreuen – bei der Begrüßung vornehmer Gäste, beim Bezahlen der einen oder anderen Kleinigkeit, die auch schon mal größer sein darf. Er muss sie auch schon mal unterstützen beim Trinken, nicht nur beim Trinken von Wasser und Kaffee. Das können die Beschirmten wohl meist allein. Unterstützen muss der Schirmherr vielmehr beim Trinken geistiger Getränke. Das heißt, er darf „einen ausgeben“ und auch schon mal zwei, und das am ganzen langen Tisch, an dem er sitzt und an dem all die anderen vornehmen Damen und Herren sitzen, die der Veranstalter eingeladen hat und für die eben dieser Veranstalter selbst bezahlen müsste, wenn es nicht der Schirmherr täte.

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Ganz früher, da gab es Schirmherren vor allem im caritativen Bereich, und sie mussten mit der ganzen Würde ihrer Persönlichkeit für die guten Taten der Beschirmten eintreten. Heute soll die Betreuung durch Schirmherrinnen und Schirmherren nicht nur dem caritativen Engagement zugutekommen. Kirche und Staat, Sport und Musik, Kultur und
Soziales brauchen gleichermaßen jemanden, der sie von ganz oben
beschützt, unterstützt und fördert. Und das genau ist die Aufgabe des Schirmherrn! Das heißt erstens: Sie oder er muss ein Loblied singen auf die ganze lange Geschichte des Vereins, den er betreut, auf die Vorfahren der heutigen Mitglieder, die schon vor langer Zeit und bis heute herzu den Karneval haben leben lassen, an der Theke und auf der Straße, und die der Stadt und den Ortsteilen jährlich wenigstens einmal eine Kirmes und ein Stadtfest beschert haben, die Fussball-Turniere und Musik-Festivals veranstaltet und dafür immer einen Schirmherrn gebraucht haben, der sie gelobt hat, sehr gelobt sogar – immer in Würde, ganz oben! Sie haben auch politische Parteien gegründet und mit größter Mühe am Leben gehalten und gegen immer neue Parteien verteidigt. Und wenn sie ein Jubiläum zu feiern hatten, weil die Musik schon hundert Jahre gespielt, die Choräle schon Jahrzehnte erklungen waren, oder die Partei ihre hehren Ziele schon mehr als fünfzig Jahre vertreten hatte – ja dann brauchten sie alle immer einen Schirmherrn oder eben – eine Schirmherrin.

Aber die weiblichen Exemplare scheinen rar zu sein. Warum dürfen immer nur Männer loben? Ist als Schirmherr vom Veranstalter etwa da ganz oben eher ein Macho gewünscht? – Vielleicht muss ein Gesetz her, dass mindestens dreißig Prozent der Schirmherren Schirmherrinnen sein sollten- pro Jahr oder pro Verein. Oder unterliegen dem Diskriminierungsverbot der Europäischen Union schon immer auch die Schirmherrinnen und Schirmherren – nur daß es keiner weiß?

Das wirft die Frage auf: Wie wird man Schirmherr, Schirmherrin? Wie kommt man an eine Schirmherrschaft? Natürlich will sich der Veranstalter mit seinem Schirmherrn schmücken. Der muss also schon etwas sein, etwas darstellen, mit etwas auftrumpfen können – am besten mit Geld. Er soll seine Schutzbefohlenen ja fördern, sie unterstützen, sie am besten auf einen finanziell sicheren Pfad zum nächsten Jubiläum setzen. Da sucht man nach Schutz und Schirm am besten in den Vorstandsetagen von Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Die müssen ihre Gewinne unters Volk bringen. Das steht in ihren Satzungen. Daher sieht man Bankdirektoren selten als Schirmherren. Die machen zwar nicht selten auch große Gewinne, – aber die müssen sie an die Aktionäre verteilen, nicht an von Ehrenamtlern geführte Vereinigungen in Stadt und Land.

Vor Jahren sah man gerne den Bürgermeister als Schirmherren – und der übernahm ein solches Amt auch gern. Schließlich schmücken sich nicht nur die Vereine mit einem würdigen Schirmherrn, sondern der Schirmherr schmückt sich auch gern mit den angesehenen Veranstaltern, die ihn als Schirmherrn sehen möchten. Immer wieder einmal um die Übernahme einer Schirmherrschaft gebeten zu werden, das sieht nach Beliebtheit und Volksnähe aus! – Vor Jahren war das so. Seitdem die Kassen der Gemeinden und Städte völlig leer sind, überlegen sich die Veranstalter häufig, ob es ihnen mehr bringt, wenn sie einen würdigen Mann zum Schirmherren machen, der ihren guten Ruf hebt, oder nicht doch besser einen, der Geld hat. Wenn es der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin dann doch sein soll, könnten die ja vielleicht mit Eigenleistung statt mit Barem aufwarten. Sie könnten selbst mit Fußball spielen oder ganz oben auf der Bühne singen oder die Trompete blasen. Das würde die Menschen in die Festsäle locken und so doch die Kassen füllen. Da brauchte man für die Wahl des Bürgermeisters ein neues Anforderungsprofil: Ein Instrument wenigstens müsste er schon spielen können! Und ein wenig singen auch. Jülich ist ja bei der letzten Wahl des Bürgermeisters da schon mit gutem Beispiel vorangegangen!

Früher nahm man im Jülicher Land auch gerne den Bergbautreibenden als Schirmherrn. Und die Herren machten das meist sehr gut. Aber den Braunkohle abbauenden Firmen ist die Luft ausgegangen, die saubere Luft und auch die finanzielle. Ob die dann noch ganz oben stehen können?

Man sieht, ganz leicht ist es nicht, einen guten Schirmherrn zu finden, und noch weniger leicht ist es, ein guter Schirmherr zu sein. Natürlich wünscht sich jeder Veranstalter, jeder jubilierende Verein, jede Organisation, die einen wichtigen Grund zum Feiern hat, einen Schirmherrn mit bestem Ruf, mit offener Geldbörse, mit Charme und Witz, mit guter Kenntnis der Geschichte des feiernden Vereins und mit großer Freundlichkeit, damit allen Feiernden die gute Laune erhalten bleibt. Er soll spannend, klar, deutlich, kenntnisreich und vor allem kurz reden und dabei doch alles sagen, was die Gäste hören wollen.

Bei solchen Ansprüchen – könnte man befürchten – will niemand mehr Schirmherr werden! Doch weit gefehlt. Kaum jemand, der gebeten wird, lehnt das Amt ab. Im Gegenteil: Wer gebeten wird, ist stolz, Schirmherr, Schirmherrin sein zu dürfen, stolz, ganz oben zu stehen. Das ist so, ich weiß es, ich habe den Stolz oft selbst gefühlt. – Und es macht Spaß, mitfeiern zu dürfen, ein wenig im Mittelpunkt zu stehen, den Leuten eine Freude zu machen, ein wenig die anderen ganz ernst nehmen zu dürfen, ihnen zu danken für all das, was der Verein geleistet hat in langer, langer Zeit. Da macht es nichts, dass dieses Amt viel schwieriger ist als man denkt, und dass der Schirmherr selbst dauernd jemanden sucht, der ihn beschirmen könnte im Sturm der Feierlichkeiten – ganz oben!

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