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K und K monarchisch

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Abb. AdobeStock_ 304519728
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„Einmol Prinz zo sin“? Ach komm, hau mir ab mit dem bierfeuchten Traum meist betont heterosexueller Männer, die sich dennoch in hautengen Strumpfhosen gefallen. Hand aufs Herz: Drei von fünf Prinzen, die jeder von uns in seinem Umfeld so erlebt hat, wären besser Politiker oder Handlungsreisende geblieben. Denn wer den Rest des Jahres zum Lachen in den Keller geht, sollte nicht plötzlich auf einer Bühne stehen und Ungereimtheiten in Reimform absetzen. Prinz sein – so etwas muss man nicht nur wollen, sondern auch können.

König sein übrigens noch viel mehr. Prinz Charles jedenfalls hatte vermutlich schon lange die Schnauze vom Prinzsein voll. Aber es wird andererseits einen Grund gegeben haben, dass Königin Elisabeth II. bis zum letzten Atemzug durchgeherrscht hat, während „Abdanken“ gerade zumindest an europäischen Königshäusern ungemein populär zu sein scheint. Eine andere Lösung, die Krone wieder loszuwerden, ist auch extrem unvorteilhaft für die Work-Life-Balance. Stellen wir uns hingegen kurz den russischen Zaren vor, wie er zu Lebzeiten abdankt, oder den Sultan vom Bosporus, dann ist schon die Vorstellung an ein solches Fantasiegespinst fast lustig. Kapellmeister, bitte einen Tusch, denn der Tusch macht bekanntlich den Witz und funktioniert zumindest als eine Art akustischer Weckruf.

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Also „einmol Prinz zu sin“? Wo waren wir dran, bevor wir als nächste Stufe der organisierten Fröhlichkeit eine Rakete zünden oder die Konfetti-Kanone scharfmachen? Ach so, ja, berufene Herrscher. Narrenkappe ab vor denen, die wirklich „Spaß an der Freud“ haben und das Lippenbekenntnis, dass ein Lebenstraum endlich in Erfüllung geht, auch glaubhaft verkörpern. Es gibt sie durchaus, diese Jecken, denen man abkauft, dass sie wirklich Spaß daran haben, mit anderen ins Nirwana zu schunkeln. Es gibt diese echten Narren, die Obrigkeiten verspotten und sich nicht gegenseitig mit Orden behängen, um sich wiederum mit den Behängten zu schmücken. Was ist denn mit dem los, fragen Sie sich gerade? Kann ich sagen: Mischehe.

Schlimmer Begriff, vor allem vor dem Hintergrund geheimer AfD-Konferenzen an der Baggersee-Abbruchkante der Menschlichkeit. Zu den Sympathisanten solcher Treffen gehören ja offenbar schon lange nicht nur blaublütige Prinzen längst und zurecht vergessener Fürstenhäuser sowie krude Reichsbürger, die als Abendgarderobe abgelegte Karnevals- und Schützenuniformen tragen und sich von vermeintlichen, aber ausgemusterten Elitekämpfern der Bundeswehr erklären lassen, wie militärischer Umsturz geht. Lustig, oder? Es ist noch gar nicht lange her, da hat man süffisant und unter vorgehaltener Hand den Auftrag genau dieser Armee damit skizziert, so lange an der Front auszuhalten, bis richtiges Militär kommt. Damals galten jedoch Panzer, Flugzeuge und Helikopter meist noch überwiegend als einsatzbereit, und es gab sogar Munition für die ganzen tollen Geräte.

Was waren das verrückte Zeiten, in denen sprichwörtlich „der Russe vor der Tür stand“. Heute, wo selbiger die Türe in der Ukraine eingetreten hat, diskutieren wir über Goldstandard-Lösungen und darüber, die Produktion von Munition womöglich in den kommenden Jahren wieder hochzufahren. Während in der Ukraine so viele Granaten verschossen werden wie zu den besten Zeiten einer der schlechtesten Zeiten 1914 bis 1918. Wehrhafte Demokratie – ein schöner Begriff, dessen Schlagkraft ich aber zumindest infrage stelle angesichts des aufblühenden Rechtspopulismus, Antisemitismus und dem immer mehr artikulierten Wunsch vieler Volksgenossen, Pardon, „lupenreiner Demokraten“, es „denen da oben“ mal „so richtig zu zeigen“. Positiv stimmt hingegen, dass immer mehr Menschen die Komfortzone ihres mühsam vom Rest der Welt entkoppelten Zuhauses verlassen, um gegen Rechts, gegen (Fremden-)Hass und für die Demokratie auf die Straße zu gehen. Und das sogar bei Schnee, Regen und Kälte.

Ach, Mist, schon wieder den Faden verloren. Mischehe war das unschöne Stichwort. Das ist auch abseits des völkischen Gelabers eine schlimme Sache: Als halber Norddeutscher ist man genetisch offenbar nur durch massive Eingriffe in Nervensystem und Unterbewusstsein per Alkohol-Injektion in der Lage, die benötigten Spaß-Rezeptoren für den rheinischen Karnevalsfrohsinn auf Empfang zu stellen. Gefühlt Jahrzehnte ist es her, dass man sich gesellschaftlich genötigt sah, ein gruppentherapeutisches Angebot (Kostümsitzung genannt) in Anspruch zu nehmen. Gut, es war sicherlich nicht förderlich für die Integration, als Kostüm ein Pappschild umzuhängen, auf dem in Schriftgröße 12 stand: Ich habe mich als Brief- und Frachtpostzentrum der Deutschen Post verkleidet. Reicht Ihre Fantasie nicht aus, sich das vorzustellen, ist das nicht mein Problem.“ Heute weiß ich: Der Rheinländer bei all seinem zur Schau gestellten Frohsinn ist beizeiten zu eitel, um seine Brille bei solchen Anlässen zu tragen, und mitunter zu anlassbezogen-paarungsfreudig, um stattdessen Kontaktlinsen einzusetzen. Ich würde das „Kostüm“ heute genauso gestalten wie damals, aber mindestens Schriftgröße 48 und Fettdruck wählen. Kapellmeister, genau. Die Tischnachbarn jedenfalls wurden nach der dritten Flasche Rotwein auf den Sonderling und seine Begleitung aufmerksam. „Ihr kommt nicht von hier?“, lautete die integrative Erkenntnis in Frageform. „Doch. Aber ich bin krank. Das Antibiotikum verträgt keinen Alkohol.“ Für die ehrliche Antwort gab es keinen Tusch. Was soll’s.

Je länger ich über meine ganz offensichtlich leicht gestörte Verbindung zum Brauchtum nachdenke, desto mehr reift in mir der Gedanke, ob nicht gerade das bunte Treiben im Karneval eine echte Chance ist, dem gleichmachenden, dumpfen und trostlosen Schwarz-Weiß aller Populisten etwas entgegenzusetzen. Wenn wir uns ein Stück weit vom reinen Konsum von Frohsinn und Getränken lösen und wieder darauf besinnen, wo der ganze ernsthafte Quatsch herkommt, bin ich dabei. Karneval war schließlich immer Opposition. Gegen die Herrschenden, gegen Missstände, gegen soziale Ungerechtigkeit. Vielleicht lohnt es sich beim Blick auf frierende Schnapsleichen, die durch die Straßen torkeln und zunehmend verzweifelt nach noch nicht vernagelten Kaufhauseingängen zum Urinieren suchen, diese Dimension auch als Karnevalskritiker stärker zu sehen. Also, leev Fastelovendsjecke, schenken wir allen Nazis, Betonköpfen und vermeintlichen Herrenmenschen ein Lächeln. Lachen ist schließlich die schönste Art, seinem Gegner die Zähne zu zeigen. „Einmol Prinz zo sin“? Nein danke, immer noch nicht. Aber Prinzessin wäre okay. Als Prinzessin Stephanie der Erste bin ich dabei, die Weltoffenheit dem Lackmustest zu unterziehen.

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Stephan Johnen
Kein Muttkrat, aber im Besitz einer Landkarte. Misanthrop aus Leidenschaft, der im Kampf für Gerechtigkeit aus Prinzip gerne auch mal gegen Windmühlen anreitet. Ist sich für keinen blöden Spruch zu schade. Besucht gerne Kinderveranstaltungen, weil es da Schokino-Kuchen gibt, kann sich aber auch mit Opern arrangieren.

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