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Riesling Roulette

„Ich habe dann mal zugesagt!“ „wozu?“ „na zu der Weinprobe, die bei den Freunden vom Max“ „ach so, ja klar, wann war das noch mal?“…... So oder so ähnlich verlief der Dialog. Ein Kreis (rund) von Weinsammlern (in der Regel rund) trifft sich regelmäßig zur Verkostung ganz besonderer Tropfen (rund) und durch Zufall war Platz für zwei Neulinge in der Runde (rund).

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Riesling Roulette | Foto: Grasmeier
Riesling Roulette | Foto: Grasmeier
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Am besagten Samstagabend fuhren wir ca. 120 Kilometer Richtung Norden und bezogen unser Zimmer im Dorfgasthof. Max und seine Frau Renate (rund) trafen wir dann kurz vor 19 Uhr. Renate fuhr uns – was uns da schon hätte stutzig machen müssen – in einen Nachbarort zu Ulrike und Harald.
Das Sechsfamilienhaus im Charme der achtziger Jahre lag in einer kleinen Seitenstraße. Bewaffnet mit einer Flasche Pfälzer Riesling von 1966, signiert und mit Fotoetikett der damaligen Weinkönigen „Monika die Dritte“ enterten wir den zweiten Stock. Tiefbauingenieur Ralf aus der Pfalz mit Frau Susanne rundeten unsere Gruppe der acht Personen ab. „Du bist so schön groß, dann nimm Du den Campingstuhl, sehr bequem aber eben etwas niedrig für uns andere!“

So ließ ich mich nieder und sackte tatsächlich gute zwanzig Zentimeter in die Tiefe – geradeaus blickend über Teller, Brot, kleine Snacks und eine Batterie von Weingläsern unterschiedlichster Form und Größe. So saß ich dann in einem kleinen Erker, der keine Fluchtmöglichkeit zuließ. „Sonnenlage, der Stern schien mir gnadenlos in den Nacken. Alles in meiner direkten Umgebung strahlte die Hitze eines Hochsommertages aus. Ich begann ohne Verzögerung zu schwitzen. Ein kleines Heft, betitelt „Homage an Ulrike“, darin abgebildet Weinetiketten, Hinweise zu Traubensorten und Lage, führte durch den Abend. Zwölf Seiten, denn zwölf Flaschen sollten an diesem Abend dran glauben, alle von 1966 also 50 Jahre alt, dem Geburtsjahr von Ulrike. Ein Dutzend Flaschen außerordentlicher Wein auf acht Leute, über einen Abend verteilt. Dachte ich.

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Wir waren immerhin bei Weinsammlern zu Gast. Wie sich herausstellte besaß Harald circa 6000 Flaschen. Praktischerweise lagerten die alle in der Nachbarwohnung. Die wurde vor kurzem frei und man hat sie dann gemietet und mit Weinkühlschränken ausgestattet. Hier stutzte ich zum ersten Mal. Es gibt also Menschen, die mieten einen Wohnung und bauen dort über 75 Weinkühlschränke auf. Ralf sprach von mehr als 9000 Flaschen, gelagert in einer Felsenhöhle in der Steiermark. Er war auch Jäger, hatte auf Wunsch des Hausherrn eine Delikatesse mitgebracht. „Hirschleberpastete, mit extra viel Leber, so wie Du es magst, lieber Harald.“ Mittlerweile hatten die restlichen Gäste Platz genommen. Komisches Gefühl für mich, „unten“ zu sitzen. Ich schaute tatsächlich aus meinem Klappstuhl zu allen anderen hinauf, kam mir vor wie ein Kind, das zum ersten Mal bei den Erwachsenen sitzen darf.

Der Abend wurde mit einer Flasche 1966er Mosel Riesling eröffnet. Mit fast chirurgisch anmutender Präzision entfernte Harald den Korken (rund). Er trug dabei weiße Stoffhandschuhe. Der Verschluss wanderte nun auf einem kleinen Silberteller (rund) im Kreis (rund). Vorsichtig und ohne Berührung wurden olfaktorisch und visuell begründete Bewertungen abgegeben. Ich stutzte zum zweiten Mal. Auch mit dem Bewusstsein, der Korken läßt einen gewissen ersten Eindruck über die Qualität des von ihm behüteten Inhalts zu, kam mir diese Prozedur etwas übertrieben vor. So ließ ich das Stück Rinde nach einem kurzen Schnüffeln an mir vorüberziehen.

Nun begann die eigentliche Verkostung mit dem Einschenken einer fingerbreiten Menge „Flüssigkeit“ in das erste ganz spezielle Weißweinglas. „Flüssigkeit“ weil das, was nun Raum in den Gläsern einnahm, nicht (mehr) nach Wein aussah. Ich stutzte erneut, da dies komplett unkommentiert blieb. „Manchmal ist es gut die Klappe zu halten“ dachte ich. Irritiert weil mir klar wurde, hier wird einiges anders laufen. Im nachhinein zu verstehen, warum die Dame des Hauses und unsere Fahrerin keinen Wein tranken, gehörte dazu.

Wir übrigen sechs erhoben das Glas und stießen an. Ich von unten. Gegen das Licht der Deckenlampe erkannte ich, was ich beim Eingießvorgang schon beobachtet hatte. Ein trübes Gesöff, beige braune Brühe, eine Beleidigung für jeden Natur belassenen Apfelsaft aus einem Tetrapack. Es wurde geschnuppert, geschwenkt und dann mit Ehrfurcht das Glas an den Mund gesetzt. Ein kleiner, nicht zu kleiner Schluck wanderte auf die Zunge und benetzte den Gaumen. Solange nicht geschluckt mit wenig Geschmacksnuancen.

Ich erinnerte mich in diesem Moment sonderbarerweise an meinen Großvater. Mit Vorfahren aus dem Elsaß und von der Mosel war er überzeugter Weißweintrinker und erklärte mir als Pimpf schon, Wein müsse man Kauen. So tat ich es denn jetzt auch, zaghaft, in der Hoffnung einer wundersamen Entfaltung eines nie wiederkehrenden Genusses. Ich schluckte. Ein schaler Geschmack mit süßlich fauliger Note bestimmte den „Abgang“. Es herrschte eine angespannte Stille. So als wenn jeder einzelne darauf wartet, wann jemand anderes das Wort ergreift. „Warum sagt niemand etwas, das Zeug ist sowas von ungenießbar, das muß doch jetzt endlich einer sagen“ dachte ich.

Das Ende dieser Pause war mein erneutes Stutzen (mental und körperlich). Was ab dem Moment für den gesamten Abend zu einem grausamen Dauerzustand wurde. „Beeindruckend rund und ausgewogen, der hat ja noch echtes Potential!“ oder „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, die Tönung war schon etwas stumpf“ bis zu „sehr beeindruckender Auftakt, Glückwunsch zu dieser Wahl“. Mit vollem Enthusiasmus wurde hier ein Wein besprochen, der in Aussehen und Geschmack abstoßend und ungenießbar war. Ok, ein Ausrutscher und die Experten wollen den Spender nicht blamieren.
„Auch ein Stückchen Hirschleberpastete?“ riß mich aus meinen Zweifeln. Ohne wirklich reagieren zu können, hatte ich eine Scheibe von ca. 300 Gramm auf dem Teller. Graubraune Fleischstücke, dazwischen weißer Speck gehalten von Kräutergelatine. Innereien sind nicht mein Favorit. Brav und tapfer als Kind der Fünfziger erzogen – es wird gegessen was auf den Tisch kommt – getrunken was ins Glas kommt. Nichts darf übrigbleiben. So auch hier und jetzt.

Ein grüner Veltliner wurde geköpft, ein Wein der bei mir immer wieder eine Erinnerung wach ruft. Ort, eine Hotelbar in Österreich, die Bedienung asiatisch im Dirndl offerierte mir auf die Frage nach einem offenen Weißwein „Chaldonay“ odel „Glünen Veltlinel“. Elst nach del dlitten Wiedelholung und Übelsetzung meines Nebenmannes bestellte ich Letztelen.

Die Prozedur des kreisenden Silbertellerchens (noch immer rund), das Riechen und Einschenken wiederholten sich. Glas gegen das Licht haltend – aufatmen – weniger trüb, Konsistenz aber fast ölig. Der erneute Schluck. Kauen. Süüüüssss. „Wann war dieser Glycol Skandal“ schoß es mir durch den Kopf. Auch hier wieder die „Macht des Schweigens“. Und es passierte erneut: „Unglaublich diese feinherbe Süße gepaart mit Zitrusaromen“! Das, genau das steht bei Grünem Veltliner in JEDEM Weinführer für zwei Euro fünfzig. Sind das alles Scharlatane, haben die echt keine Ahnung oder echt Ahnung?

Die ersten Wahnvorstellungen kamen mir in den Sinn. Der dritte Wein. Ein roter Spanier mit einem kitschigen Etikett verziert, ein Stierkämpfer und eine Flamenco Tänzerin. Es wurde hart diskutiert, ob das Gut noch existiert oder nicht. Für mich war nach dem Kosten sehr schnell klar, daß es nicht mehr existieren konnte. Als dann der fünfte Wein probiert war und alle fünf, wirklich alle fünf in meiner bescheidenen Beurteilungsfähigkeit ungenießbar waren, gab ich halb benommen auf.

Harald, bei dem schon den ganzen Abend aufgefallen war, daß er beim Einschenken zitterte und ab und zu den Kopf zuckend in Nacken warf, meinte dazu lachend „Mein Zittern kommt nicht vom Weintrinken. Auch wenn wir solche Abende zwei bis dreimal in der Woche machen. Ich bin Parkinson Patient!“ Unter laut grölendem Lachen wurde mit den Resten im Glas auf dieses selbstironische Outing angestoßen. Zwischenzeitlich hatte ich den Raum bis in alle Ecken mit meinen Augen abgesucht. Wo hängen nur diese Kameras. Das mußte eine Inszenierung sein, eine Parallelwelt.
Zwischenzeitlich deutlich mit wachsender Übelkeit kämpfend kreisten meine Gedanken um Hirschleberpastetenvergiftung, Glycoltrauma, Pestizitsymptom, Fuselölrausch.

Mein Zustand kam einer Nahtoderfahrung gleich. Bei Männern ist das so. Eingesunken, fast gefaltet in meinen Campingstuhl, der mich umschloß wie ein Seestern eine Venusmuschel, mußte ich mich sehr bemühen mein Kinn aus Erschöpfung nicht auf der Tischkante abzulegen. Benommen und mit größter Körperbeherrschung nahm ich in meinem Delirium wahr, wie Susanne nach einem unüberhörbaren WC Besuch die Couch ansteuerte und in wenigen Minuten laut schnarchend und flatulierend der Gruppe den Rücken mit Verlängerung (rund) zuwandte. Einen latenten Würgereiz überbrückend harrte ich gefühlt rund eine weitere Stunde aus. Ich nahm all meinen Mut zusammen und steuerte die Badtüre an. Ohne Zwischenfälle kam ich hin und zurück auf meinen Klappstuhl. Irgendwann, ich hatte Zeit und Raum verlassen fuhren wir zurück in unseren Gasthof. Zehn Minuten Autofahrt, zehn Minuten schweigend die Lippen zusammengepreßt. Jeden kleinsten Gedanken an die letzten Stunden vermeidend, landete ich verschwitzt auf meinem Bett. Ich öffnete die Augen, der Deckenventilater drehte sich im fahlen Licht der Nachttischlampe – This is the end, is this the end my friend…….?

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Frank Lafos
Reisender, fotografierender Menschenbeobachter, der seit über 15 Jahren Kurzgeschichten schreibt. Eingeborener Muttkrat, Karnevalist und bekennender Rheinländer. Lebt in Jülich und Starnberg. Entwickelt karnevalistisch-musikalische Bühnenstücke vom Text bis zur Regieanweisung. Über 20 Jahre Co-Autor des Ulk Magazins. Fachlich-berufliche Schwerpunkte und Veröffentlichungen zu Innovationstechniken, digitaler Kommunikation und neuen Arbeitsformen. Diplom Ingenieur, zertifizierter Coach und kreativer Gestalter.

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