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Motorrad-Sicherheitstraining bei der Jülicher Verkehrswacht. Ein Selbstversuch mit peer-sönlichen Erkenntnissen.

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Foto: Peer Kling
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Das Risiko, im Straßenverkehr auf dem Motorrad tödlich zu verunglücken, ist pi mal Daumen im Vergleich zum Auto etwa 14-mal höher. Ein Sicherheitstraining für Motorradfahrer macht also absolut Sinn. Das erhöhte Risiko für Motorradfahrer liegt in den fehlenden passiven Schutzeinrichtungen, also in der Abwesenheit von Airbags, Gurten, Nackenstützen und Knautschzonen. Dieses Manko führt zu besonders schweren Verletzungen bei Motorradunfällen. Motorrad-Airbags gibt es zwar, und sie liegen im Trend in der Schutzkleidung, aber die mit einem Airbag ausgerüsteten Zweiradfahrer sind noch stark in der Minderzahl. Und auch dieser „Fallschirm“ ist keine Überlebensgarantie.

Mein Freund Martin und ich waren mehrmals im Linksverkehr unterwegs: England, Wales, Devon, Cornwall, Irland. Das ist eine besondere Herausforderung an die Konzentration. Wir haben uns gegenseitig jeweils einmal so laut wir konnten angeschrien: „Links!“ Ja, frontal ist fatal. Ich habe es mit einer Eselsbrücke versucht. Bei jedem „Aufgleisen“ ein kurzes Stoßgebet: „Mein Herz schlägt links.“ Schweden ist 1973 auf Rechtsverkehr umgestiegen. Ich habe es miterlebt. Das war eine teure Investition mit höchsten Ansprüchen an die Logistik: „Heute links, morgen rechts.“ Es hat sich aber gelohnt. Das Umsteigen und der „Lohn der Angst“ sozusagen.

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„Sehen und gesehen werden“ ist eine Prämisse für Salonlöwen. Beim Motorradfahren ist dieses Prinzip lebensrettend. Ich bin in dieser Hinsicht eine multiple Persönlichkeit, will sagen: Ich sitze nicht nur auf meinem Bock, sondern auch in allen Autos, die vor, hinter mir und neben mir „versteckt sind“ oder fahren – und ganz wichtig: Insbesondere sitze ich in denen, die mir entgegenkommen. Als Martin und ich von unserer ersten 10-Tagestour 2015 zurückkamen, wurde Bert genau am Tag zuvor von einem Auto, das ihm beim Linksabbiegen in meine Wohnstraße die Vorfahrt nahm, tödlich erfasst. Das gab mir schon sehr zu denken. Ich fahre fast täglich mehrmals am Kreuz mit seinem Namen vorbei. Schuld war natürlich ein Mensch. Wer will schon mit solch einer Schuld leben? Eigentlich sollten Autofahrer ein Training absolvieren, wie sie Rad- und Motorradfahrer überleben lassen.

Insbesondere schnelle Zweiräder werden häufig übersehen. Eine der häufigsten Ursachen bei tödlichen Unfällen sind allerdings Fahrfehler der Motorradfahrer selbst, wie beispielsweise eine überhöhte Geschwindigkeit und ein fehlerhaftes Fahrverhalten in Kurven. Ein signifikanter Teil der tödlichen Motorradunfälle sind Alleinunfälle. Aber auch bei Alleinunfällen kann die Schuld nicht pauschal dem Motorradfahrer zugeordnet werden, da Faktoren wie Fahrbahnzustand, Wetterumstände oder Infrastruktur eine Rolle spielen können. Überaus wichtig ist der Reifendruck, und dafür ist allein der Fahrer verantwortlich.

Foto: privat

Die Verkehrswacht Jülich bietet mit ihren Fahrsicherheitstrainings spezielle Schulungen an, die helfen, unsere Fahrkompetenz zu verbessern. Durch praktische Übungen lernen wir, sicherer auf der Straße zu agieren (Aktion), Gefahrensituationen besser einzuschätzen und souveräner zu reagieren (Reaktion). Die Schulungen finden in Jülich-Koslar auf dem Verkehrsübungsplatz statt, der auch über einen eigenen Schulungsraum verfügt. Die regelmäßig durchgeführten Motorradtrainings sind darauf ausgerichtet, die Fahrkompetenz und Sicherheit speziell von Motorradfahrer*innen zu verbessern. Die theoretischen Schulungen und praktischen Übungen helfen, Gefahrensituationen zu erkennen und adäquat zu reagieren. Ein Muss für alle, die ihre Fahrfertigkeiten auf zwei Rädern weiterentwickeln möchten.

Im Sommer haben mein Motorradkumpel Martin und ich dieses Training als Vorbereitung auf unsere anschließende Motorradtour zusammen mit Ulf und Harry durch die französischen und italienischen Alpen absolviert. Es begann an einem Sonntagmorgen um 9 Uhr und sollte bis 17 Uhr dauern. Ich wechsele ins lebendigere Präsens. Sechs Frauen und sechs Männer werden vom Trainer Heinz Dickmann und seinem Assistenten Didi, eigentlich Dietmar, begrüßt. Beide waren früher in ihrem aktiven Berufsleben bei der Polizei und auf Motorradtrainings spezialisiert. Als „alte Hasen“ geben sie auch jetzt noch ihre Erfahrungen weiter. Heinz bemerkt so am Rande, dass wir ein relativ hohes Durchschnittsalter mitbringen und die Jungspunde, die sich öfter überschätzen und „gerne Knallgas geben“, ausbleiben. In einer lockeren Vorstellungsrunde – wir nennen uns alle beim Vornamen und duzen uns – können wir Wünsche über Lernziele äußern. Ich möchte lernen, meine liegende BMW R 1200 R alleine auf die Räder zu stellen. Wir reden von einem fahrbereiten Leergewicht von 274 kg. Am Ende des Kurses legen einige von uns ihre Maschinen sanft auf die Seite ins Gras. Es folgen zwei Varianten im praktischen Aufrichten. Unter dem Stichwort „Motorrad aufheben“ findet ihr auch bei YouTube Rat, ebenso zu zahlreichen anderen Wunschbegriffen aus der Runde wie: Schutzkleidung, Protektoren, Reifendruck, Reifenzustand, Reifenalter, Kurventechnik, Serpentinen, Spitzkehren, Blickführung, Bremsen, Bremswegverlängerung durch Blätter, Öl, Nässe, Sand, schlechte Reifen, Gegenstände auf der Fahrbahn, Ausweichen, bei 30 Grad im Stau auf der Autobahn – „ab durch die Mitte“ oder nicht?, Assistenzsysteme, Fahrverhalten bei Nässe und Regen, langsam fahren, Unfälle durch ausgeklappte Seitenständer, Ladung, Gepäck, Seitenkoffer.

Hierzu ein praktisches Beispiel: „Wir vier“ (siehe oben) sind 2023 die Ligurische Grenzkammstraße (nicht „Kampf“! Gefühlt aber manchmal eben doch) gefahren. Vor uns ein junger Mann mit seiner Reiseenduro BMW R 1200 GS, also die „One and only“ des Abenteurers, Weltreisenden und Fotografen Michael Martin. Er hatte beidseitig große Alukoffer montiert und blieb mit dem rechten an einem vorspringenden Felsen hängen und ging dann nach links in die bewaldete Böschung ab. Er hatte Glück im Unglück, stand unter Schock, war aber nicht verletzt – sein Motorrad schon. Er konnte aber damit weiterfahren. Die Solidarität und Kameradschaft unter Motorradfahrern ist für mich ein wesentlicher Punkt. Wir haben uns um ihn gekümmert und seine Maschine mit vereinten Kräften geborgen.

Nach der Theorie gab es auf dem Gelände zu allen Punkten praktische Übungen. Wir sind über Latten und Reifen gefahren, haben vorher Gas gegeben, damit das Vorderrad nach oben geht, sind alternativ ausgewichen, Slalom gefahren, haben Kurven geübt, waren extrem langsam unterwegs, haben stark beschleunigt und sind dann „voll in die Eisen“ gegangen, haben abschließend eine kleine Tour über die Dörfer gemacht – auch durch ein kleines Kiesbett und über eine Wiese. Und wir sind am Berg angefahren.

Foto: Peer Kling
In einer Feedbackrunde sind alle voll des Lobes und glücklich über das Geübte und Gelernte. Ein Teilnehmer bemerkt: „Ich verdanke mein Leben einem Sicherheitstraining.“

Beim Abschied fällt mir eine Teilnehmerin auf, wie sie mit ausgeklapptem Seitenständer losfährt. Das haben wir besprochen, und ich schreie sie flehend an, doch bitte noch einmal anzuhalten. Ich erzähle ihr von meinem Freund, dem ein während der Fahrt ausgeklappter Seitenständer in einer Kurve fast das Leben gekostet hat. Nach dem Sturz fuhr das Motorrad ohne ihn weiter und wurde von einer Leitplanke zerfetzt. Er hatte Glück im Unglück und hat sich seitdem nie mehr auf ein Motorrad gesetzt. Heutzutage muss ein Seitenständer bei Entlastung selbsttätig einklappen oder eine Zündungsunterbrechung bewirken, sobald ein Gang bei ausgeklapptem Seitenständer eingelegt wird. Die Kollegin mit einem Motorrad älterer Bauart ohne Schutzvorrichtung versprach mir: „Ich werde meine Werkstatt beauftragen, mein älteres Modell auf den aktuellen Sicherheitsstandard aufzurüsten.“

Dass bei unserer Wir-vier-Alpentour viele Sicherheitsaspekte eine Rolle gespielt haben, möchte ich gerne an unserer größten Herausforderung, dem Colle Sommeiller, illustrieren. Das ist ein Pass im Westen der Alpen zwischen dem Piemont und Savoyen. Er befindet sich im Mont-Cenis-Massiv im französisch-italienischen Grenzgebiet. „Peer ohne Teer“ sozusagen. Peer ist eine Form von Petrus, und das bedeutet Fels. Und davon gibt’s da viel. Der Weg war auch für uns vier lange nach der Schneeschmelze immer noch „sehr petrus“, also steinig. Hier ein Video aus dem Netz, das den Weg hinauf kurz nach der Schneeschmelze mit reichlich Brocken im Weg in voller Länge zeigt.


Wer Interesse an einem Sicherheitstraining hat, kann sich telefonisch unter der Rufnummer 02461 / 56242 oder per Email an fahrsicherheitstraining@verkehrswacht.net wenden. Informationen zu den Terminen gibt es auf der Internetseite der Verkehrswacht.

Das nächste Training für Motorradfahrer ist für den 3. Mai angesetzt, Plätze gibt es allerdings nur noch über die Nachrückliste. Die nächste Chance zu einem Motorradbasistraining besteht dann am 14. Juni.

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Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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