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Auf der Suche nach der verborgenen Zeit

Es fängt gleich mit einem Paradox an: Je mehr man sich mit diesem Thema beschäftigt, desto unklarer wird es. Die Rede ist von der Zeit. Und ausgerechnet so ein rätselhaftes Phänomen will nun eine vom Forschungszentrum Jülich koordinierte Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht nur besser verstehen, sondern auch aktiv beeinflussen. Ein Blick ins Zeitlabor.

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Bild von mb1028 auf Pixabay
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Anna Hoagland ging es nicht gut. Sie hatte Fieber, lag mit einer Grippe im Bett und wartete darauf, dass ihr Mann endlich wiederkommen und nach ihr sehen würde. Die Zeit wurde ihr lang, was sie ihn auch wissen ließ, als er schließlich das Zimmer betrat.

Es darf vermutet werden, dass sie ihre Ungeduld im Nachhinein bereute, denn die Klage über seine lange Abwesenheit brachte ihren Mann auf eine folgenreiche Idee, schließlich war Hudson Hoagland ein Wissenschaftler durch und durch. Er hatte an der Columbia University, am Massachusetts Institute of Technology und in Harvard Abschlüsse erworben. Er war in Cambridge, würde bald einen Lehrstuhl für Physiologie an der Clark University übernehmen und irgendwann die renommierte Worcester Foundation mitgründen.

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Die Bemerkung seiner Frau machte ihn stutzig, denn nach der objektiven Maßgabe seiner Uhr war er nicht lange weg gewesen. Und da die Antwort auf das Unerwartete bei einem Forscher nun mal das Experiment ist, ging Hoagland dem ungewöhnlichen Zeitgefühl seiner Frau mit einem Versuch auf den Grund. Jedes Mal, wenn er ihre Temperatur gemessen hatte, ließ er sie die Dauer einer Minute abschätzen – insgesamt 30 Mal.

Das Ergebnis: Für Anna Hoagland vergingen die Minuten fast doppelt so langsam wie für ihren gesunden Mann. Wenn der Sekundenzeiger seiner Uhr gerade mal eine Runde absolviert hatte, waren für sie gefühlt schon zwei Minuten verstrichen. Dabei tickte ihre innere Uhr scheinbar umso schneller, je höher ihr Fieber war. Diese kuriose Gleichung des ‚je schneller‘ (der subjektive Taktgeber), ‚desto langsamer‘ (vergeht die Zeit) passt gut zu einem Thema, das mit so viel Paradoxien aufwarten kann wie die Zeit.

Mit der Abhängigkeit des Zeitempfindens von der Körpertemperatur hatte der amerikanische Physiologe Hoagland Anfang der 1930er Jahre einen wichtigen Zusammenhang entdeckt. Offenbar hat der körperliche Erregungszustand einen starken Einfluss darauf, ob ein Moment als kurz oder lang erlebt wird. Daraus folgt, dass sich unsere Zeitwahrnehmung nicht einfach nur aus den objektiven Indikatoren unserer Umwelt ableitet, sondern zu einem nicht geringen Teil von uns selbst konstruiert wird. Zeit ist relativ – nicht nur aus Sicht der Physik, sondern auch nach den Erkenntnissen der Psychologie und Hirnforschung.

Die subjektive Dehnung des Moments im Falle von Fieber ist nicht viel mehr als eine unangenehme Erfahrung. Allerdings gibt es durchaus Situationen, in denen diese Verlangsamung einen ganz praktischen, ja geradezu lebensnotwendigen Nutzen hat.

Kai Vogeley, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, ist Sprecher des internationalen Kooperationsprojektes VIRTUALTIMES, das vom Forschungszentrum Jülich koordiniert wird.
Foto: Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau

Schock in Slow Motion

Sie kann sich noch an einen dunklen Schatten erinnern, der von links auf sie zukam. Dann ein ohrenbetäubender Knall. Andrea K. war mit ihrem Auto auf einer Landstraße unterwegs, als ihr ein anderer Wagen an einer unübersichtlichen Kreuzung die Vorfahrt nahm und gegen ihre Fahrerseite prallte. Sie kam von der Straße ab, durchbrach einen Weidezaun und raste geradewegs auf einen großen Baum zu. Während das Hindernis wie in Zeitlupe immer näher kam, trat sie die Bremse bis zum Anschlag durch, drehte wild am Lenkrad und zog schließlich noch die Handbremse. Sie stellte noch erleichtert fest, dass an diesem Tag keine Pferde auf der Koppel standen. Der Wagen stoppte schließlich kurz vor dem Baum. Drei Sekunden – länger hatte der ganze Vorfall nicht gedauert. In diesen drei Sekunden zog ihr Leben nicht wie in einem Film an ihr vorbei. Ihre Gedanken waren ungleich trivialer. Sie ärgerte sich. Gerade hatte sie eine Inspektion machen und die Klimaanlage reinigen lassen. Das Geld hätte sie sich sparen können. Das Auto war nun ein Totalschaden.

Solche Extremsituationen sind prominente Beispiele für die subjektive Dehnung des Augenblicks. Alle Ereignisse scheinen in diesem Moment verlangsamt abzulaufen. Auch wer derlei Schrecksekunden noch nicht erlebt hat, kennt diesen Effekt aus Filmen. In emotional verdichteten Schlüsselszenen greifen viele Filmemacher gerne auf die Zeitlupe zurück. In der Unfallsequenz aus Claude Sautets „Die Dinge des Lebens“ hofft Michel Piccoli fast zwei Minuten lang auf einen guten Ausgang. Realiter dürfte das tragische Geschehen hier dagegen kaum länger als vier Sekunden gedauert haben. Der Grund für diesen Zeitlupeneffekt ist letztlich der gleiche wie beim Fieber von Anna Hoagland. Die durch die besonderen Umstände gesteigerte körperliche Aktivierung führt zu einem verlangsamten Zeitempfinden.

Nach Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg, einem Experten in Sachen Zeiterleben, gibt es neben der physiologischen Aktivität einen zweiten Faktor, der zum gleichen Ergebnis führt. Je mehr wir uns auf die Zeit selbst konzentrieren, sie bewusst wahrnehmen, desto gedehnter erscheint sie uns. Um diese Erkenntnis nachzuvollziehen, braucht es keinen Unfall. Eine möglichst lange Schlange im Supermarkt oder ein volles Wartezimmer genügen. Jeder kennt das: In Momenten, die uns zum Innehalten zwingen, scheint die Zeit einfach nicht vergehen zu wollen.

Wie entsteht unser Zeitgefühl?

Kai Vogeley, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, ist Sprecher des internationalen Kooperationsprojektes Virtualtimes, das vom Forschungszentrum Jülich koordiniert wird. Doch selbst wenn maßgebliche Faktoren bekannt sind, ist es für die Wissenschaft derzeit immer noch eine offene Frage, wie genau unser Zeitgefühl funktioniert. „Es gibt verschiedene Theorien“, so Kai Vogeley, Wissenschaftler in Jülich und Professor für Psychiatrie und Psychologie an der Uniklinik Köln, „aber was genau passiert, ist letztlich immer noch ungeklärt“. Vogeley ist Sprecher des internationalen Kooperationsprojektes VIRTUALTIMES, das vom Forschungszentrum Jülich koordiniert wird. Das von der Europäischen Union geförderte Projekt widmet sich über einen Zeitraum von vier Jahren der Erforschung und Veränderung des Zeitgefühls. „Es scheint so zu sein, dass Bewegung bei dem Erleben des Vergehens von Zeit eine wichtige Rolle spielt. Außerdem gibt es neurobio­logische Modelle, in denen beispielsweise der Herzschlag als eine Art Zeiger der inneren Uhr fungiert.“

Die Lösung des Rätsels ist dabei ebenso wenig trivial, wie die durch sie gewonnenen Erkenntnisse fundamental zum Verständnis der menschlichen Subjektivität beitragen dürften. Nach Marc Wittmann etwa, der ebenfalls am VIRTUALTIMES-Projekt beteiligt ist, hängen Selbstbewusstein und Zeiterleben eng zusammen. „Körperlichkeit, Raum- und Zeitwahrnehmung sind die zentralen Determinanten, die uns selbstbewusst machen“, meint auch Vogeley. Und für die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens spielen jene neurobiologischen Prozesse, die unserem Zeitgefühl zugrunde liegen, ebenfalls eine wichtige Rolle. Das haben nicht zuletzt die vieldiskutierten Libet-Experimente Anfang der 80er Jahre gezeigt.


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