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„Faire les marches“ oder Cannes, Klappe, die dritte

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Peer Kling. Foto: Volker Goebels
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Das wohl prestigeträchtigste und verbrieft größte Filmfestival der Welt ist das in Cannes und war auch bei meinem dritten Mal wieder ein Erlebnis. Das Paradoxe ist, es gibt bei diesem Mega-Film-Ereignis im Gegensatz zum größten Publikumsfestival der Welt, der Berlinale, keine Eintrittskarten zu kaufen. Schon bizarr, Cannes hat nur 73 000 Einwohner und spielt die erste Geige in der Welt der Filmfestivals, bei denen man weltweit allen Genres folgend, locker sein ganzes Leben verbringen könnte.

Gegensätze tun sich auf. Berlin hat 3,8 Mio Einwohner und Paris passt sieben mal in die Fläche unserer Hauptstadt. In Berlin bewegt man sich ruck-zuck vom Berlinale- zum Zoo-Palast und zurück von West nach Ost zum International, dem Vorzeige-Kino der damaligen DDR, immer noch ein Erlebnis wert. In Cannes kann man froh sein, wenn der Bus nicht an der Haltestelle vorbeifährt, an der man sich schon länger die Beine in den Bauch gestanden hat, ganz einfach, weil er schon überfüllt ist. Wenn jemand aussteigen will, muss die „Sardinenbüchse“ halten und dann geht die Klopperei los.

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Der Bus fühlt sich im Stau am wohlsten, also verpasst man schon mal den ein oder anderen Film. Dann muss man aber schnell per Smartphone ausbuchen, denn bei zweimaligem Nichtbesuch einer Filmveranstaltung wird man gesperrt. Und schon eine halbe Minute nach Filmbeginn ist die Karte wertlos. Eigentlich konzentriert sich das Festivalgeschehen an der allseits geliebten Provence auf das Stadtzentrum, vor allem, mit dem Blick auf die Millionärs-Yachten inklusive, auf den riesigen Gebäudekomplex des Palais des Festivals et des Congrès, in dem ganzjährig Veranstaltungen mit regionalem, nationalem und internationalem Charakter stattfinden. Er war übrigens schon zweimal „Herberge“ für den Eurovision Song Contest.

Um dem Ansturm des Kinopublikums gerecht zu werden, bedurfte es eines Multiplexkinos, das auch ein Imax beherbergt und das liegt nun mal eine ¾ h Busfahrt außerhalb. Der futuristische Bau könnte überall in der Welt sein. Da fehlt einfach, ich sage mal metaphorisch, der Lavendelgeruch und das Mittelmeer. Innen sieht der Komplex aus wie eine Neon blinkende Spielhölle. Über einen Popkorn-Fußboden hätte ich mich auch nicht gewundert, so als Analogie zum Strandkino im Zentrum, mit der frischen Brise um die Nase.

Jedenfalls führt im Spacedesign-Komplex der Weg in alle Spielstellen unerbittlich am Futter- und Getränke-Trog vorbei. Um nicht aufzufallen, kaufe ich vor lauter Verzweiflung ein Eis zu hohem Preis. Darf ich das im Kino überhaupt essen? Die Sitze in diesem „Cineum“ sind doppelt so breit als im Palais und man kann rundum entspannen. Die Technik ist vom Feinsten. Ich ändere also meine Strategie. Statt des Filmhoppings niste ich mich an mehreren Tagen im Cineum ein, genieße die Pausen auf der Draußenterrasse. Der Krach des gegenüberliegenden Flugplatzes vor allem von den Hubschraubern verursacht, stört mich nicht. Im Kino hört man nichts. Dass all die anderen nun am Bus und am Stau scheitern, kommt mir zugute. Das System „Dernière minute“, mit dem freie Plätze kurz vor Vorstellungsbeginn vergeben werden, lässt mich auch ohne vorbestellte Karte nach kurzem Winken mit meinem Stückchen Plastik hübsche Filme anschauen.

Cannes ist ein Festival für Filmprofis, also eigentlich nicht für mich, aber dabei sein ist alles. Dafür gibt es zwei Zauberworte: Entweder eine „invitation“ für glücklich Auserwählte oder eine Akkreditierung gegen Cash für Vertreter aus den Bereichen Presse, Produktion, Vertrieb, Verleih, Kinobetreiber. So haben wir uns für je 450 Euro über das Filmstudio der RWTH Aachen für den Filmmarkt akkreditiert und haben damit die Lizenz, Filme zu schauen im Spagat zwischen dem marché und dem faire-les-marches-Ritual. Cannes steht für Geld (faire le marché zu Deutsch: Besuch des (Film-)Marktes und für Ruhm, den die Stars auf der Treppe, genauer auf den Stufen (les marches) hinauf in den Filmhimmel feiern. Diese Stufen ziehen sich seit 77 Jahren durch die so kunst- wie fantasievoll gestalten Festivalplakate wie eine Ausstellung im Palais zeigt.

Auch der Festivaltrailer mit der hypnotisierenden Musik führt vor jeder Vorstellung über die abstrakten roten Stufen aus einer Unterwasserwelt hinauf in den Kinohimmel. Der Trailer wird grundsätzlich beklatscht ganz wie die Landung eines Touri-Bombers auf Malle. Aber für uns Fünfe heißt es ja erst einmal, wie kommen wir überhaupt dort hin? Die „Spaghetti-Frau“ (lang und dünn) zugleich Eigentümerin des praktischen VW-Caddy-extended bestand darauf, die knapp 1200 km in zwölf Stunden alleine zu fahren. Die zwei übergewichtigen Männer sitzen abwechselnd vorne auf dem Beifahrersitz. Um meinen Gesäß-, Hüft- und Rücken-Schmerzen auszuweichen, habe ich den sehnlichen Wunsch, genau da zu sitzen, wo ich als Kind nie sitzen wollte, in der „goldenen“ Mitte. Wir haben wieder die gleiche Ferienwohnung wie vor sieben Jahren im Vorort La Bocca gebucht. Der reine Luxus? Nee, vgl. den Cannes-Bericht aus 2017. „Côte d’Azur fell zu dür“ klingt witzig, ises aber nicht. Die Immobilienpreise haben auch ein „faire les marches“ hinter sich und sind weit oben angekommen, nicht unsere Liga. Die Nachfrage auf dem marché ist groß. Und ein Aperol Spritz in einem der netten Straßenkaffees kostet mindestens 8,50 Euro, aber wenn man wie wir Spaghetti abwechselnd mal mit grünem Pesto und mal mit roter Soße à la Corbonara in der Wohnung kocht, geht’s. Jedenfalls können wir Filme gucken, bis der Arzt kommt, bis zu fünf Festivalfilme am Tag habe ich geschafft. Ja, das ist krank und nein, ich kann danach nicht alles auseinanderhalten. Ich sortiere mich später, in aller Ruhe zu Hause. An der Quelle spiele ich Kamel in der Film-Oase und „saufe“ so viele Filme wie möglich in mich hinein, um es dann wieder monatelang in der Film-Wüste des Zuckerrübenlandes auszuhalten.


In einem halbstündiges Radio-Interview spreche ich mit Alexandra Schüler, die samstags die Livesendung BigStars für Radio Rüsselsheim moderiert. Es ist ein nichtkommerzielles Lokalradio für Hessen. Wir treffen uns jährlich bei der Berlinale und sie hat mich zu einem Telefoninterview eingeladen, in dem ich über Cannes im Allgemeinen, die Filme und meine Favoriten spreche.

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Peer Kling
Peer Kling, typisches "KFA-Kind", nicht aus der Retorte, aber in der zweiten Volksschulklasse nach Jülich zugezogen, weil der Vater die Stelle als der erste Öffentlichkeitsarbeiter "auf dem Atom" bekam. Peer interessiert sich für fast alles, insbesondere für Kunst, Kino, Katzen, Küche, Komik, Chemie, Chor und Theater. Jährlich eine kleine Urlaubsreise mit M & M, mit Motorrad und Martin.

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