Wenn Hass und Angst keinen Platz haben sollen: Der mutmaßlich islamistische Angriff auf den Christopher Street Day in Berlin sorgt bundesweit für Anteilnahme. Aber auch Aussagen im Sinne von „Jetzt erst recht!“ und dem Verständnis, sich nicht spalten lassen zu wollen. Ganz nach dem Motto, das auch die Mahnwache und Kundgebung am Kirchplatz trug: „Queer ist normal.“
Die Veranstaltung von Queeres Leben Jülich gab nach einer Schweigeminute Organisationen, Parteien und Privatpersonen Gelegenheit, sich zu der aktuellen Situation zu äußern. Während – möglicherweise der frühen Uhrzeit geschuldet – vergleichsweise überschaubares Publikum vor Ort war, gab es umso mehr Menschen, die etwas beitragen, Solidarität zeigen oder Lösungsansätze vorschlagen wollten.
Über allen Reden schwebte die Auffassung, dass man sich nicht einschüchtern lassen wolle und sich explizit gegen Hass und jeden Extremismus stelle. Dabei war allerdings auch Unmut über Entscheidungen des aktuellen Bundeskabinetts zu spüren. Immer wieder war die Rede von der abgelehnten Regenbogenfahne über dem Bundestag sowie der Kürzung von Mitteln für Demokratie und Queerness schützende Vereine. Frank Reuter, der sich über die Gruppe „Wir „Gemeinsam“ für Kinder in Not“ engagiert, sprach die erhöhte Selbstmordrate unter Kindern und Jugendlichen mit Trans- und Homosexualitätshintergrund an. An anderer Stelle wurde der Politik vorgeschlagen, sich mit Strukturen und Mechanismen, die zu Hass führen, auseinanderzusetzen und damit, welche konkreten Schutzmaßnahmen es brauche. In der Eingangsrede des Vereins selbst, gehalten von Volker Ruckdäschel, gab es etwa Forderungen nach härterer Strafverfolgung für Hasskriminalität, da diese ein Angriff auf die Grundrechte sei, sowie nach Anlaufstellen und besserem Opferschutz für Betroffene.
Der Grund dafür wurde ebenso klar: Beispielsweise berichtete Kevin Hoffstadt von Jülich Solidarisch von einem Gedenkort nahe des Geschehens, an dem wenige Tage später schon Vandalismus betrieben worden sei. Ebenso habe sich die Zahl der Gewaltverbrechen gegen die queere Community zwischen 2010 und 2023 verzehnfacht, berief er sich auf Zahlen des Bundesministeriums des Innern. Auf negative Weise beeindruckend untermalte dies zuvor Hannah Vierthaler des Queerreferats an den Aachener Hochschulen: Minutenlang wurden Opfer seit Mitte der 2010er Jahre bis ins Jahr 2026 aufgezählt und dafür nur die Kurzform „Datum, Tatort, Tatbestand“ genutzt. Schließlich wohnte diesem Beitrag allerdings der Appell inne, sich nach eigenen Möglichkeiten einzusetzen – etwa mit Tatkraft, Geld oder Unterschriften – und der Schluss: „Dieser Platz in unserem Herzen, das, was Community ausmacht, das, was queeres Leben ausmacht und queere Liebe ausmacht, das kann uns niemand wegnehmen. Weil kein Hass der Welt Liebe jemals besiegen kann.“
Einig waren die Wortbeiträge sich in dieser Hinsicht: Extremismus wolle Angst verbreiten und Menschen gegen einander aufbringen. Als Maßnahme dagegen fiel immer wieder das Wort „Zusammenhalt“. Denn auch das klang immer wieder an: Nur zusammen sei man stark. Liebe und Menschlichkeit als Gegenpol zu Hass und Gewalt.
Deutlich verurteilt wurden der Sache entsprechend Menschen, die Hassverbrechen begehen. Stefan Holz vom Kreisverband der Linken etwa betonte, auch mit Blick auf vergangene Anschläge, Ziel der Attentate sei, Toleranz und Akzeptanz zu zerstören. Ähnlich bewertete die Sachlage auch Christine Klein von Bündnis 90 / Die Grünen Jülich. Sie sah im wiederholt getätigten Vergleich des CSD-Attentats zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 ein falsches Bild: Damals seien zufällig Menschen getötet worden. Im vorliegenden Fall gehe es um eine Verfolgung aufgrund der eigenen Identität.
Und dann ging es auch noch ganz konkret um Islamismus und die Instrumentalisierung des Attentats, um Hass gegen den Islam zu schüren, wie mehrere der Teilnehmenden betonten. Marginalisierte Gruppen würden hier gegen einander ausgespielt. Dabei sei Islamismus nicht zu verharmlosen oder zu verschweigen. Eine ganz persönliche Perspektive gab Mo Khomassi, selbst Moslem. Er betonte: „Islamismus ist nicht der Islam. Der Islam ist eine Religion. Islamismus ist eine extremistische Ideologie, die Religion missbraucht, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen.“ Der Islam verbiete, unschuldige Menschen zu töten oder anzugreifen. Es müsse gleichzeitig sowohl gegen jeden Extremismus vorgegangen als auch Opfern beigestanden werden.
Björn Esser vom veranstaltenden Verein Queeres Leben Jülich brachte den Grundtenor treffend auf den Punkt: „Das gilt für queere Menschen und das gilt für alle Menschen auf der Welt. Wir wollen eine Welt, in der niemand Angst haben muss. Eine Welt mit Liebe statt Hass. Eine Welt mit Frieden statt Gewalt.“




























