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Geteilte Meinung

Teilen ist ja prinzipiell etwas Schönes, doch kommt es mal wieder darauf an, was und wie geteilt wird. Geteiltes Leid ist halbes Leid – sagt das Sprichwort.

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Grafik: Daniel Grasmeier
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Naja, ich befürchte erfahrungsgemäß, dass das eigene Leid eher eine konstante Größe ist, die sich nicht unbedingt durch Anteilnehmer verringern lässt. Gewähren wir z.B. jedem Kondolierendem am Grabe auch nur einen Prozent der eigenen Trauer, könnte man nach hundert Besuchern dieses Aktes den Friedhof wohlgemut verlassen… So schräg Sie diese Sichtweise finden mögen, sie beweist jedenfalls, dass die Mathematik, zumindest was Emotionen betrifft, in jeder Hinsicht versagt. Nicht? Nächstes Beispiel: Geteilte Freude ist doppelte Freude! Na sowas – ich gebe etwas weg und habe doch mehr! Ach bitte, ihr kapitalistisch verhunzten Charaktere, ich spreche hier nicht als der auf den eigenen Vor-Teil bedachte Anlageberater, sondern von nicht Berechenbarem und nicht Käuflichem. Also haltet ihr euch mal schön an eure Shareholder (früher auch „Teilhaber“ genannt) und Geschäfts-„Freunde“ und hierbei raus. Bei euch wird nicht geteilt, sondern nur ein bisschen abgegeben von dem, was ihr bereits zu viel habt – um noch mehr zu bekommen. Achja, das musste mal wieder sinn- weil effektlos gesagt werden, denn gelesen und kapiert wird es von den es Betreffenden – betroffen fühlt sich da eh keiner – sowieso nicht. Ich das Fleisch und Du die Knochen – wie? Das ist nicht in Ordnung? Du hast mehr Knochen als ich Fleisch auf dem Teller – und das von EINEM Tier! Du hättest auch gern Fleisch – nag´ es von den Knochen, da ist noch genug dran. Daher kommt wohl auch der Minimal-Dialog: „Sollen wir brüderlich teilen?“ „Nee, halbe-halbe.“

In diesem Zusammenhang frage ich mich: Liege ich völlig falsch mit meinem derzeitigen Eindruck, dass „Teilen“ für viele den üblen Beigeschmack von „auf etwas verzichten“ hat? Nicht gerade selten höre ich Sätze wie: „Ich muss ja wohl mein(!) Land jetzt mit immer mehr ……………… (zutreffenden Begriff bitte selbst eintragen) teilen !“ Mein Eintrag: seltsamen Menschen. Die dank entsprechender Kommunikationsmittel sich und ihre Eigenartigkeiten zwar gerne mit- und austeilen, aber das unter denkbar unbedachtem Ausschluss von allem außerhalb ihrer eigenen mit Gleichgeschalteten geteilten Filterblase. Schon klar: Nicht nur auf diesem sprachlichen Niveau meinerseits ist Verständigung mit den gemeinten Kreisen schlicht unmöglich. Simpler ausgedrückt: Auch vielfach geteilte Dummheit wird nicht zu Schwarmintelligenz… Die das jetzt verstehen, brauchen es nicht – und die es bräuchten, verstehen es nicht. Am besten dran (allerdings nur für sich) sind doch immer noch und immer wieder so krankhaft einfach gestrickte Knallschoten wie der Ober-Donald. Der lebt nach dem Motto: Wir können gerne geteilter Meinung sein – ich habe eine Meinung, und der Rest hat sie zu teilen! Nee, danke, an der Veranstaltung nehme ich nicht teil. Denn sogar das Strafrecht sagt zusammenfassend: Jeder Teilnehmer ist ohne Rücksicht auf die Schuld des anderen nach seiner Schuld strafbar. „Aber ich bin doch nur hingegangen – und eingeladen war ich auch!“

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Ansonsten teilt sich die Menschheit einen Planeten und auf diesem derzeit eine Pandemie. In aller bestens bekannten Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Und Rücksichtslosigkeit. Bei einem Virus kann ich das noch verstehen, dem ist biologisch nun mal kein Gehirn gegeben. Covid will weder feiern, noch reisen und… Muss er auch nicht! Dafür hat er ja seine Wirtskörper, die machen das schon für ihn! Und die Körper, die dies tun, sind mit Hirn dämlicher als jeder Virus ohne – und im Endeffekt die wirkliche Gefahr für diesen Planeten. Da wollen wieder einige außer auf Einsicht auf nichts verzichten und pochen auf ein Recht, das ihnen nicht per Existenz zusteht, sondern über das sie nur verfügen dürfen, weil sie zufällig HIER geboren wurden. Das scheint sich ihren konsumverstopften Köpfen aber nicht mitzuteilen. Schneller, gedankenloser Pseudo-Genuss, in die Folgen können sich andere teilen.

Sind Sie, sofern Sie überhaupt bis hier gelesen haben, auch so deprimiert angesichts dieser Tatsachen wie ich? Wo bleibt das Positive? Tja, wenn ich´s denn wüsste… Beifallklatschen vom Balkon ist nett, aber leider nicht wirklich hilfreich, wie die derzeit in Tarifverhandlungen stehende Bezahlung der momentan mal kurzfristig als „systemrelevant“ bezeichneten Arbeitskräfte sicherlich wieder beweisen wird.

Also zurück auf´s gaaanz Kleine: Wie übt man gerechtes Teilen? Indem der eine den Kuchen teilt, und der andere auswählen darf, welches Stück er nimmt. Einfach, oder? Aber eben nur im Kleinen umsetzbar. Immerhin eine gute Übung, um überhaupt ein nachvollziehbares Verständnis für Gerechtigkeit zu entwickeln. Und sich nicht von angeblichen Gepflogenheiten übervorteilen zu lassen. Beispiel: Auf der Platte liegen zwei Fleischstücke, ein großes, ein kleines. „Nehmen Sie zuerst!“ Der Aufgeforderte nimmt – das Größere. „Ja, also, das…“, sagt der andere. „Wie, welches hätten Sie denn genommen?“ „Na, das kleinere!“ „Das haben Sie doch jetzt.“

Ja, so läuft`s. Wohin? Da können wir natürlich geteilter Meinung sein.


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