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Keine Zeit für Auszeit

Jennifer Nepp – Ein Leben als alleinerziehende Rettungsassistentin.

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Jennifer Nepp. Foto: la mechky +
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Hübsch, jung, fröhlich….erste Assoziationen, wenn man Jennifer Nepp, geborene Borchert, das erste Mal sieht. Was man nicht auf den ersten Blick sieht ist, wie viel Verantwortung die junge Frau trägt. Sie ist nämlich Rettungsassistentin und Mutter, alleinerziehend noch dazu. Hat man da überhaupt noch Zeit für Auszeiten? Zweifelhaft, aber später mehr. Ich treffe die Ende Zwanzigjährige Zuhause in Ihrer Wohnung, die sie mit ihrer zweijährigen Tochter Hailey teilt. Es ist gemütlich und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, man fühlt sich gleich wohl. Ich bekomme eine Tasse Kaffee und Jennifer, die alle Jenny nennen, erzählt. Sie ist eine echte Jülicherin, hier geboren und zur Schule gegangen. Nach der mittleren Reife besucht sie das Nelly-Pütz-Berufskolleg und macht da 2009 ihr Fachabitur im Bereich Sozial- und Gesundheitswesen. Es folgt wie bei vielen ein Jahr der Orientierung, in dem sie im Gastronomie Service arbeitet.

Jenny ist zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass sie beruflich gerne in den medizinischen oder pflegerischen Bereich möchte. Viele Bewerbungen werden geschrieben, aber es hagelt leider nur Absagen. Auf das Warum zuckt sie nur die Schultern. Die Noten seien nicht so schlecht gewesen, wahrscheinlich einfach Schicksal oder nicht der richtige Zeitpunkt. Zu Herzen scheint die junge Frau sich die Ablehnung nicht genommen zu haben. So sei das halt manchmal. Durch Zufall schnappt sie im Café, in dem sie arbeitet, auf, dass der Rettungsdienst einer Hilfsorganisation in Jülich Hände ringend Personal sucht. Man kommt ins Gespräch und Jenny bewirbt sich. Wieso auch nicht: Die Arbeit klingt interessant und es ist ja auch im medizinischen Bereich. Und siehe da, es klappt. So kommt es, dass Jenny die dreijährige Ausbildung bei den Maltesern beginnt. Vom Rettungshelfer über den Rettungssanitäter zum Rettungsassistenten. Der übliche Weg.

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Mit 19 Jahren also schon in vorderster Reihe im Rettungsdienst, hin und her gerissen zwischen Langeweile und Überforderung, je nachdem, ob auf dem Kranken- oder dem Rettungswagen eingesetzt. Speziell die Einsätze in der Notfallrettung machen der jungen Frau zu schaffen und lassen sie sogar über Kündigung nachdenken. Gespräche mit Familie und Kollegen helfen ihr eine gewisse Abgeklärtheit zu erlangen und nicht alle schlimmen Bilder mit nach Hause zu nehmen. Speziell die Unterhaltungen mit ihrem damaligen Kollegen Jörg Hagelüken sind ihr dabei im Gedächtnis geblieben. „Ohne die hätte ich sicher aufgegeben“, sagt sie heute.

Nach der Ausbildung folgt die nächste Hürde: der Malteser kann Jenny nicht übernehmen, nur einen Zeitvertrag für ein halbes Jahr anbieten. Rückwirkend alles halb so schlimm, kann sie doch Anfang 2015 eine neue Stelle beim RDKD (Rettungsdienst Kreis Düren) antreten. Ein super Arbeitgeber betont sie mehrmals im Gespräch.

Und auch privat hat sich zu diesem Zeitpunkt einiges getan: Im September 2015 heiratet sie und bekommt zwei Jahre später ihre Tochter Hailey. Leider hält die Ehe nicht lange, ein oft auftretendes Phänomen bei Paaren, bei denen mindestens einer im Schichtdienst arbeitet. So kommt es, dass Jenny seit 2019 mit ihrer Tochter auf sich allein gestellt ist. Alleinerziehend und in einem so verantwortungsvollen Job im Schichtdienst? Geht das? Schwierig, gibt sie zu. Ohne den Rückhalt der Familie, guten Absprachen mit dem Ex und einen verständnisvollen Arbeitgeber ginge es wohl nicht und anstrengend sei es natürlich allemal. Manchmal übernimmt sie ihre Tochter direkt morgens nach dem Nachtdienst und je nachdem wie einsatzvoll die Nacht war, kann das mit einer aufgeweckten, fordernden Zweijährigen an die Belastungsgrenze gehen. Erst seit März ist es etwas einfacher, seit Hailey nun einen Platz in der Kita in Jülich hat.

Ich bin wirklich beeindruckt wie positiv Jenny in die Zukunft schaut, wie gut sie ihren Alltag schafft, trotz Widrigkeiten, sich selbst hinten an stellt. Wie liebevoll sie zu ihrer Tochter ist und ihr zum Beispiel während unseres Gesprächs immer wieder in einer Seelenruhe erklärt, was sie gerade macht und warum und dass sie natürlich gleich wieder Zeit für sie hat. Obwohl der Papa eigentlich ja gerade extra da ist, um nach Hailey zu schauen, damit Jenny etwas Ruhe für unsere Unterhaltung hat. Starke Nerven sind sicher sowohl Zuhause als auch auf der Arbeit eine gute Sache.

Auf meine Frage, was sie denn zum Ausgleich für sich selbst mache, bleibt die sonst nicht auf den Mund gefallene Jenny erstaunlich still. Nach einiger Überlegung sagt sie, dass sie gerne für Hailey näht und eigentlich auch ein geselliger Mensch sei. Neue Kontakte zu knüpfen sei aber in ihrer Situation nicht immer einfach und speziell unter Müttern habe sie des Öfteren so genanntes Mütter-Bashing erlebt. Dieses ständige Vergleichen wer sei besser, toller, habe das schlauere Kind sei nur nervig. Da habe sie einfach keine Zeit für.

Vorurteile und Schubladendenken, dass sei auch etwas, was ihr am Anfang das Leben auf der Arbeit schwer gemacht habe. Eine Frau, noch dazu eine junge, in einem eher von Männern geprägten Beruf, da gebe es viele Vorurteile und dumme Sprüche. Zu Beginn ihres Arbeitslebens habe sie das oft weg gelacht. Heutzutage würde sie da aber auch was sagen, Dinge mehr ausdiskutieren, verbesserten Kommunikationsfähigkeiten sei Dank. Bei ihren jetzigen Kollegen sei das aber fast immer unnötig – ein junges, tolles Team und wie schon erwähnt ein guter Arbeitgeber. Dieser wiederum kann sich glücklich schätzen eine so fürsorgliche, verantwortungsbewusste, hilfsbereite Mitarbeiterin in Jenny Nepp in seinen Reihen zu haben. Wenn alles klappt in Zukunft dann als Notfallsanitäterin, die Weiterbildung will sie nämlich spätestens nächstes Jahr auch noch stemmen. Irgendwie wird das schon gehen.

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Andrea Esser
In Jülich geboren und dann nach der Schule ab in den Süden zum Studium der Wortjonglage. Nach einer abwechslungsreichen Lehrzeit mit den Prominenten dieser Welt, überwog das Heimweh nach dem schönen Rheinland und Jülich im Speziellen. Deckname Lottofee, liebt ihre Familie, Süßigkeiten, Kaffee, alles Geschriebene und Torsten Sträter. Anfällig für sämtliche Suchtmittel (nur die legalen natürlich). Hat schon mal eine Ehrenurkunde gewonnen und ihre erste Zeitung bereits mit zehn Jahren herausgegeben. Hauptberuflich strenger Händchenhalter eines Haufens vornehmlich junger Männer. Der Tag hat notorisch zu wenige Stunden für alle Pläne und kreativen Vorhaben, die meiste Zeit etwas verwirrt.

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