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Menschen(ge)macht

Der Weltklimarat veröffentlicht im August den ersten Teil seines neuen Sachstandsberichts, der die wissenschaftlichen Ergebnisse der Klimaforschung dokumentiert. Es ist eindeutig: Der Mensch hat das Klima erwärmt. Der Klimawandel betrifft den gesamten Globus, ist schnell und intensiviert sich. Die Jülicher Atmosphärenforscherin Prof. Astrid Kiendler-Scharr ist Leitautorin des Kapitels zu kurzlebigen Klimaschadstoffen in dem Bericht. Von Fortschritten in der modernen Klimaforschung, zur Rolle Jülichs in der Atmosphärenforschung und zur Bedeutung der kurzlebigen Klimaschadstoffe. Ein Interview.

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Portrait Astrid Kiendler-Scharr. Foto: Forschungszentrum Jülich / Ralf-Uwe-Limbach
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Welche Erkenntnisse hat die Wissenschaft in den 30 Jahren seit Veröffentlichung des ersten Sachstandsberichts hinzugewonnen?

Prof. Astrid Kiendler-Scharr: Zum einen haben wir in den vergangenen 30 Jahren eine Menge zusätzlicher und sehr wichtiger Daten gewonnen. Ein Beispiel sind die zig Millionen Datensätze der von Jülich koordinierten Infrastruktur IAGOS, die unsere Messgeräte seit über 20 Jahren mit Hilfe kommerzieller Linienflugzeuge rund um die Welt sammeln. Diese Daten stehen allen Klimaforschern weltweit zur Verfügung. Gleichzeitig verstehen wir heute die luftchemischen Prozesse besser, wie beispielsweise kurzlebige klimawirksame Stoffe in der Atmosphäre abgebaut und umgewandelt werden. Unsere luftchemischen Experimente in der Jülicher Atmosphärensimulationskammer SAPHIR haben zu diesem Erkenntnisgewinn beigetragen. Zudem haben sich die zahlreichen anderen Beobachtungssysteme der weltweiten Klimaforschung – an Land, in der Luft und im All – ebenso weiterentwickelt wie die Kapazitäten der Hochleistungsrechner. Die Kombination dieser Fortschritte präzisiert unsere Klimamodelle und die Detailschärfe, mit der wir unsere Aussagen treffen, massiv. Das trägt dazu bei, dass wir beispielsweise den Effekt kurzlebiger klimawirksamer Stoffe wie Aerosole, Methan, Kohlenwasserstoffe, Kohlenmonoxid, halogenierte Verbindungen oder Ruß auf das Klima heute deutlich besser verstehen.

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Wie stark wirken diese kurzlebigen Stoffe auf das Klima?

Im Moment beobachten wir eine Erwärmung des globalen Klimas um 1,1 Grad. In der Summe haben die kurzlebigen Klimaschadstoffe diese Erwärmung in gleicher Größenordnung verursacht wie das vielbeachtete CO2. Im Gegensatz zu CO2, das über mehrere hundert Jahre in der Atmosphäre verbleibt und dort auf lange Sicht seine wärmende Wirkung auf das Klima ausüben wird, verschwinden die kurzlebigen Klimaschadstoffe innerhalb von Wochen oder wenigen Jahrzehnten. Wir halten also mit diesen kurzlebigen Schadstoffen eine wichtige Stellschraube in Händen, die es uns ermöglicht, verhältnismäßig kurzfristig auf das Klimasystem Einfluss zu nehmen. Denn ihre Reduktion führt zu einer Reduktion der Erwärmung. Jedes zehntel Grad macht einen Unterschied, zum Beispiel in der Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen. Eine Einsparung an dieser Stelle entbindet uns aber nicht von der zusätzlich dringend notwendigen Reduktion der CO2 Emissionen, um das Klima für kommende Generationen zu stabilisieren.

Was ist der Effekt, wenn kurzlebige klimawirksame Stoffe eingespart werden?

Im Sachstandsbericht haben wir verschiedene Szenarien analysiert: Zum Beispiel was passiert in den kommenden 80 bis 100 Jahren, wenn wir die Emissionen dieser kurzlebigen Stoffe deutlich zurückfahren? Die gemeinsame Reduktion von Methan, Ozonvorläufern und halogenierten Verbindungen würde bis zum Jahr 2040 etwa 0,2 Grad weniger Erwärmung ausmachen. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten so 0,8 Grad Erwärmung vermieden werden. Das Gros dieses Methans stammt aus menschengemachten Quellen wie der Förderung und Produktion von fossilen Brennstoffen, aus der Landwirtschaft oder aus Mülldeponien. Auch Klimatreiber wie Ruß oder Stickoxide werden durch menschliche Aktivitäten wie das Heizen oder den Transportsektor freigesetzt. Viele dieser Stoffe sind auch Luftschadstoffe. Ihre Reduktion hat also auch einen Effekt auf die Luftqualität.

Was erwarten Sie von der kommenden Weltklimakonferenz, die am 31. Oktober in Glasgow beginnt?

Ich erwarte ein starkes Commitment aller Länder zur Klimaneutralität. Wir müssen den Weg beschreiten, um Netto-Null-Emissionen sicherzustellen. Ernährung, Landwirtschaft, Verkehr, Gebäude – es wird keinen Sektor geben, der von Änderungen ausgenommen werden kann, wenn wir dieses Ziel erreichen wollen. Der Sachstandsbericht bewertet hier die naturwissenschaftlichen Grundlagen und Fakten, die für den Klimawandel relevant sind. Die konkreten Maßnahmen, den Klimaschutz umzusetzen, sind Aufgabe der Politik.


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