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Pech gehabt

Im letzten Urlaub besuchte ich eine Höhle in Italien. Hier suchten schon vor langer Zeit Menschen Schutz vor Kälte, Regen oder anderen Bedrohungen. Es gab einige rußgeschwärzte Ausbuchtungen wie Rastplätze, die von Feuerstellen zeugten. Aber auch einige kleinere Nischen waren pechschwarz verqualmt. Dort hatten unsere Vorfahren Fackeln eingeklemmt.

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Illustration: Zara Schmittgall
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Nur mit Hilfe von künstlichen Lichtquellen, nichts anderes sind Fackeln, war ein Leben in der totalen Dunkelheit möglich. Fackeln sind dicke Stöcke, umwickelt oder eingetaucht in brennbares Material. Noch heute gibt es Pechfackeln, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Beleuchten mit offenem Feuer war lange die einzige Möglichkeit, um gegen die Dunkelheit bestehen zu können.

Fackeln waren und sind in vielen Kulturen ein mystisches Symbol und sie werden oft als göttliches Attribut verstanden. Statue of Liberty – römische Göttin der Freiheit – Libertas. Die Freiheitsstatue in New York stellt sie dar. Was kaum jemand weiß: Sie wurde am Abend der Einweihung vor fast genau 125 Jahren, am 26. Oktober 1896, zum ersten Mal entzündet. Doch ohne Wirkung. Die Leuchtkraft der Gasflamme war zu schwach. So versank das neue Wahrzeichen nicht nur für die erwartungsvollen New Yorker auf dem Festland in der Dunkelheit. Da war wohl jemand bei der Planung „wahrlich keine Leuchte“. Who knows?

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Auch bei Griechen und Römern und anderen vorchristlichen Kulturen hatte die Fackel eine wichtige Symbolkraft. Nach unten gerichtet war sie die Darstellung des Sonnenuntergangs, die Flamme nach oben gerichtet zeigte sie einen Sonnenaufgang. In der NS-Zeit gab es häufig Pechfackelzüge, die sich durch die Straßen von München oder Berlin wälzten. Meist zu Ehren politischer und militärischer Persönlichkeiten veranstaltet. Wie so oft nutzten die Nazi-Strategen auch hier wieder eine Mystifizierung, die viele Menschen fesselte und in diesem Fall Pech brachte.

Fackeln sind selten geworden, denkt man. Am häufigsten sehen wir sie bei Martinsumzügen. Als Laternen. Also Fackeln, die mit einem transparenten Gehäuse gegen Wind und Regen geschützt sind.

Das olympische Feuer wird mit einer aufwendig konstruierten Gasfackel je nach Austragungsort um den halben Erdball getragen. Es ist immer wieder hochspannend, wer damit die Feuerschale in der olympischen Arena zum Leuchten bringt. Oft wird diese stolze Geste genutzt, um verdienten Sportlern Verehrung und bisher fehlende Anerkennung zu zeigen.

Faszinierend und bei vielen Sportbegeisterten im Gedächtnis ist, als Muhammad Ali, schon schwer gezeichnet von seiner Parkinson-Erkrankung, am 19. Juli 1996 zitternd die Fackel übernahm und unter tosendem Beifall und „Ali, Ali“-Rufen das olympische Licht in Atlanta entzündete. In diesem Moment wurden die herausragendsten sportlichen und politischen Stationen aus dem Leben des wichtigsten amerikanischen Sportlers des zwanzigsten Jahrhunderts in die Gegenwart geholt. Eine Szene mit großer Würde und internationaler Wirkung. Der damalige US-Präsident Bill Clinton brach neben vielen anderen Menschen im Stadion und weltweit vor den Fernsehern in großer Ergriffenheit in Tränen aus. Ali sagte später, seine linke Hand zitterte wegen Parkinsons und seine rechte Hand vor Angst. Auch „The Greatest“ konnte Schwächen zeigen.

Und dann gibt es ja noch bengalische Feuer und Leuchtfackeln. Neben dem blendenden Licht, Rauch und Gestank, den diese Dinger verbreiten, sind sie hoch gefährlich, weil mit üblichen Löschmitteln nicht unter Kontrolle zu bringen. Manche brennen sogar unter Wasser. Leider gibt es noch immer einige Idioten, die damit trotz klarer Verbote in Fußballstadien um Aufmerksamkeit buhlen. Ursprünglich sind die hocheffizienten Pyrosignale für die Schifffahrt und das Militär entwickelt worden und sollten nur in geübte Hände.

Als Anfang dieses Jahres die ersten Weltumsegler der berühmten Vendée Globe wieder in den Hafen von Les Sables-d‘Olonne einliefen, hielten sie solche Signalfackeln in ihren Händen. Die ersten von ihnen hatten das Rennen um die Welt in genau 80 Tagen erfolgreich bestanden. Die Männer und Frauen standen stolz und gerührt auf ihren Booten und schwenkten mit Hingabe ihre bunten Lichter. Auch ein Deutscher, Boris Herrman, war dabei. Wieder waren es Fackeln, die einen besonderen Moment mit ihrem Licht untermalten.

Boris Herrmann war einer von mehr als 30 Startern. Seine Leistung glich einer Sensation und wurde weltweit beachtet. Obwohl er kurz vor dem Ziel noch mit einem portugiesischen Fischerboot kollidierte und sein Boot „Seaexplorer“ massiv beschädigt wurde. Er belegte zum Zeitpunkt des Crashs etwa 90 Seemeilen vor dem Ziel einen sicheren dritten Platz und wurde trotz massiver Schäden an seinem Boot noch Fünfter. Pech gehabt, aber souverän gemeistert.

Auf den Segeln seiner Rennyacht und seiner Kleidung taucht immer wieder das Symbol der UN-Sustainable Development Goals (UN-Nachhaltigkeitsziele) auf. Ein Kreis mit 17 Segmenten in Regenbogenfarben, der uns in der aktuellen Klimadebatte fast täglich begegnet. Jedes Farbsegment steht für eines der Nachhaltigkeitsziele.

Boris Herrmann betont immer wieder, sein größtes Rennen ist das gegen den Klimawandel. Ein Rennen gegen die Zeit, und da sitzen alle Menschen in einem Boot. Sein Statement „Wir müssen nicht nur die Mobilität, sondern alles neu denken“ wird gerne zitiert. Der 40-jährige studierte Wirtschaftswissenschaftler schrieb seine Diplomarbeit bereits über Nachhaltigkeitsmanagement von Aktiengesellschaften.

2019 brachte er Greta Thunberg über den Atlantik – mit dem Segelboot und 30 Knoten schnell. Das entspricht rund 60 Stundenkilometern. Nur mit Windkraft. In 13 Tagen erreichten sie das Ziel New York, den UN-Klimagipfel.

Mittlerweile baut das Segelteam Malizia für Boris Herrmann eine neue Yacht. Diese wird bei allen Manövern unter Maschine auf fossilen Brennstoff verzichten und einen Wasserstoffantrieb haben. In vier Jahren will er damit erneut bei der Vendée Globe starten. Wieder auf allen Segeln mit dem Regenbogenkreis und seinem Lebensmotto „A Race We Must Win“.


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