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Zeitkapsel als Dokument der Geschichte

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Fast fertig zum Einzug: Der Verwaltungsbau des Kirchenkreises Jülich. Foto: Volker Goebels
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„Auf jeden Fall ist hier schon viel Geschichte drauf auf dem Gelände“, konstatiert Christian Preutenborbeck, Leiter des Evangelischen Verwaltungsamtes des Kirchenkreises Jülich, und blickt fast ehrfurchtsvoll über das Areal, das einst der Evangelische Friedhof war und bald Heimat des Verwaltungsamtes der Superintendentur und Diakonie sein wird. Alle packen kräftig mit an, damit der Neubau rechtzeitig Anfang April bezugsfertig ist.<

Glücklicherweise gab es während der gesamten Bauphase keine wesentlichen Verzögerungen, von ein paar Frosttagen im Winter 20 / 21 abgesehen. Damals wurde das Fundament gelegt. Wenn Beton gegossen wird, darf es nicht frieren. „Aber jetzt ist alles wieder soweit aufgeholt und im Zeitplan“, bestätigt Preutenborbeck.

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Dass es keine nennenswerte Probleme gibt, liege vor allem an den beteiligten Gewerken, allen voran die beteiligte Jülicher Baufirma, ist Christian Preutenborbeck voll des Lobes: „Die Firma Lamers macht hier einen sehr guten Job.Die arbeiten ganz hervorragend.“ Im Zuge dessen hofft er, dass Lamers auch davon profitieren wird, dass sie vor Ort ein DGNB-zertifiziertes Objekt Gebäude errichten kann. „Das ist schon ein Markenzeichen.“

Sobald deutlich wird, dass die Fertigstellung des Gebäudes und somit der Zeitplan Anfang April eingehalten werden kann, wird auch eine Grundsteinlegung nachgeholt, bei der eine Zeitkapsel mit Jahreszahl unter der Grundsteinplatte versenkt werden soll. Was eigentlich ganz am Anfang vollzogen wird, wurde wegen der Pandemie verschoben und passiere nun gleichzeitig mit der Inbetriebnahme.  

Solarpanele sorgen für nachhaltige Energieversorgung. Foto: Kirchenkreis Jülich

Das ist ja bereits in absehbarer Zeit. „Deswegen geht das hier auch so flott.“ Soeben wird das Archiv-Regal angeliefert. Ganz zufrieden ist Preutenborbeck über das gute Wetter, das gerade herrscht, so dass auch in den Außenanlagen gearbeitet werden kann. Vorne kommen 22 Parkplätze für die Mitarbeitenden hin, unter anderem für E-Mobilität. Dienstfahrzeuge, die elektrisch beladen werden, erhalten eine Ladesäule. Zudem wird es eine Einhausung für Fahrräder geben, ebenfalls mit Lademöglichkeiten für E-Bikes. „Das kann wunderbar mit eigenproduziertem Strom versorgt werden.“

Bemerkenswert sei, dass es so gut wie keine großen Materialprobleme oder gar -engpässe gab im Gegensatz zu vielen anderen Baustellen. „Im Gegenteil: Mit unserem Bemühen, vollständig mit nachhaltigem ökofairem Material zu bauen, haben wir sogar Glück gehabt.“ Dazu nennt er eine Reihe von Beispielen: Für die insgesamt mehrere Kilometer langen Kabel wurde halogenfreies Material genommen. „Das halogenfreie Material war auf dem Markt sofort verfügbar, weil es der normale Bauherr nicht unbedingt nimmt. Das typische Kabelmaterial war vergriffen, und wir konnten fröhlich weiterbauen.“

Nachhaltigkeit ist bei dem Verwaltungsbau großes Thema. Angestrebt wird eine DGNB-Zertifizierung in Gold. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) verleiht Zertifikate in Silber, Gold und Platin. „Gold ist ein realistisch zu erreichendes Ziel“, erklärt Christian Preutenborbeck. Platin sei mit viel Anstrengungen verbunden. Zudem müsse dabei viel Geld in die Hand genommen werden. Das sei wenig sinnvoll. Gold hingegen sei ein gehobener Standard in erreichbarer Nähe.„Da hängt ein ganzes Zertifierungsverfahren dran. Das begleitet uns schon seit der Planung. Die DGNB schaut auf alle Materialien, die mit diesem Bau irgendwie im Zusammenhang stehen, und bewertet auch.“

Bestimmte Materialien sind zugelassen, andere wiederum nicht, beispielsweise aufgrund von Schadstoffen. „Wir haben uns für Kunststofffenster entschieden. Diese werden heute nach europäischem Standard so gebaut, dass man frisches Kunststoffmaterial nimmt und ein paar Prozent Altstoffe beimischt. Das ist alter geschredderter Kunststoff. Wir haben gesagt: hier nicht.“

Foto: Volker Goebels

Denn es ergebe keinen Sinn, dass heute Altmüll verwendet wird, der in 50 Jahren teuer entsorgt werden müsse, weil Inhaltsstoffe wie Blei oder Cadmium darin enthalten sind. „So haben wir mit der Firma Schüco eine Vereinbarung, dass hier mit Prokura ausschließlich frischer schadstofffreier Kunststoff verbaut wird.“ Das sei eine Extra-Produktionslinie, habe aber nichts extra gekostet. Es sei nämlich völlig unbegründet, dass ökologische Baustoffe auch teurer sein müssen. Manchmal seien diese sogar billiger, was bei den Baufirmen aber noch nicht ins Bewusstsein gelangt sei.

Ähnlich verhält es sich mit dem Klinker. Statt Münsteraner Klinker wird solcher aus der Nachbarschaft verwendet, nämlich vom Ziegel- und Klinkerwerk Coenen aus Körrenzig. Dieses verfeuert während der Produktion Pellets. Hinzu kommt ein kurzer Transportweg. Letzten Endes passe der Klinker auch farblich hervorragend in die Landschaft: zur Zitadelle, zur Friedhofsmauer, zur Nachbarschaft. Von in Maastricht hergestellten Fliesen aus Recycling-Material im Innenraum über Fensterbänke aus belgischem Blaustein statt aus Südafrika oder China bis zu Anthra-zinc in der Attika, einem speziellen Material, das relativ wenige Schadstoffe absondert: Nachhaltigkeit ist oberstes Prinzip.

„Wir sind voll im Konzept geblieben: Die Hauptwassermenge landet auf dem Dach“, unterstreicht der Verwaltungsleiter. Neben dem Kies gibt es dort einen Gründachanteil. Das Wasser sammelt sich dort und hat genügend Raum, um langsam zu versickern. In der Mitte gibt es zwei Entwässerungskanäle, die quer durchs Haus laufen und unterirdisch in einer Rigole, einer Art Zisterne, landen. Da kann sich das Wasser sammeln und langsam im Erdreich verteilen. Damit wird gewährleistet, dass das gesamte Wasser im Areal versickert. Ähnliches gilt für die Parkplatzschichten aus Eifler Lava-Schotter. Auch hier versickere das Wasser direkt ins Erdreich.

Oben am Dach sind zwei Fledermausnistkästen mit in den Klinker verbaut. „Wir werden auch zusätzliche Nistkästen in den Bäumen einbringen.“ Schließlich sei dies im Vorfeld mit Dr. Henrike Körber vom Fledermausschutz vereinbart worden. Sie hat die Verwaltung beraten, und diese habe versucht, die Vorstellungen umzusetzen. Auch wenn in einem Gutachten festgehalten wurde, dass die Route der Fledermäuse durch den Bau nicht beeinträchtigt würde, erhoffe sich die Verwaltung mit dem zusätzlichen Angebot, „dass sich die Tiere weiter hier wohl fühlen“.

Im Inneren wirkt das Gebäude auffällig hell. „Das ist einer der typischen Bob-Effekte“, erklärt Preutenborbeck und verweist auf dessen speziellen Lamellen. Sie sind so geformt, dass zu jeder Tageszeit das von außen kommende Licht auf ein Deckensegel geworfen und reflektiert wird. Das Lichtsystem erkennt die Helligkeit und steuert die Lamellen, fährt sie dementsprechend rauf oder runter. So können die Mitarbeitenden je nach Tageszeit mit weniger Licht auskommen. Ziel ist dabei immer, Energie zu sparen, wo es nur geht.

Das System des Aachener Unternehmens BOB AG stammt als Konzept von den Aachener Architekten Hahn Helten + Assoziierte. Dazu gehört auch eine Betonkerntemperierung. Hier liegen die Heizschleifen mitten im Beton sowohl in den Böden als auch den Decken. Sechs Erdsonden à 100 Meter und eine Wärmepumpe sind für die Geothermie zuständig. Der Beton wird vollständig als Speichermasse genutzt, so dass überall konstant 23 Grad Celsius herrschen.

Daher werde auch keine weitere Klimatechnik benötigt. „Das macht alles der Beton durch seine Strahlung“, betont Preutenborbeck. „Im Winter lecker warm, im Sommer lecker kühl.“ Das System habe sich bereits seit 15 Jahren in einem Bob-Haus in Aachen bewährt. Und alles vollständig ohne fossile Energien. „Das Einzige, was wir hier brauchen, ist etwas Strom, damit die Pumpe läuft. Und den Strom haben wir oben auf dem Dach.“ Die Photovoltaik-Anlage ist im Übrigen gesponsert von Greenpeace. 

Um die 35 Mitarbeitende, die derzeit noch in der Schirmerstraße wirken, werden in das neue Gebäude mit rund 1.560 Quadratmetern Bürofläche umziehen. Es fallen keine Arbeitsplätze weg. In das Erdgeschoss kommt die Diakonie des Evangelischen Kirchenkreises Jülich, die erste Etage beinhaltet die komplette Leitungsebene und einen Sitzungssaal, und in den zweiten Stock zieht die Verwaltung.

Bei den anvisierten rund 4,8 Millionen Euro bleibe es auch. Auch die geplante Pfahl-Lösung ist umgesetzt werden. Dazu mussten im Sommer 2020 90 Rammpfähle in die Erde gesetzt werden. „Das ist der Garant dafür, dass dieses Objekt auf diesem Boden ohne Keller stehen kann.“ So soll auch die Totenruhe gewahrt bleiben, denn es gab keine Aushebungen, und die Grabungsarbeiten gingen nicht so tief, dass Gräber davon betroffen waren.

Foto: Volker Goebels

Ein Großteil der alten Grabsteine ist mittlerweile wieder von der Zwischenlagerung zurückgekommen. Mit dem Planer der Außenanlagen soll derzeit entschieden werden, wo und wie sie in das Gelände integriert werden können. Dabei sollen einige an der Friedhofsmauer platziert werden, andere im alten Friedhofsareal wiederaufgestellt werden. Denn ein Teil des Geländes bleibt im ursprünglichen Zustand erhalten, um den Eindruck zu verleihen: „Das ist immer noch der alte Evangelische Friedhof.“ Immerhin besteht dieser seit 1624, aber das ist eine andere Geschichte und wird in dem Artikel „Einst vor den Mauern“ erzählt.

Das alte Kirchenportal liegt aufgearbeitet und eingepackt beim Nörvenicher Steinmetzbetrieb Schmitz & Retz. Sobald die Außenanlagen fertig sind, wird das Fundament für das Portal gegossen. Es soll später freistehend dorthin kommen, wo einst der Weg zum Friedhof war. „Dann nehmen wir das gedanklich wieder als Durchgang zum Friedhof in der Flucht zum Wandelgang.“ Ansonsten wird der Weg soweit ausgebaut, dass ein barrierefreier Zugang zum Verwaltungsamt entsteht, den auch Rollstuhlfahrende ungehindert nutzen können. Gleichzeitig dient dieser auch als Rundweg um das Gebäude. 

Er sei zwar kein Historiker, unterstreicht Christian Preutenborbeck, „aber es erfasst mich schon mit Ehrfurcht zu wissen, über Jahrhunderte wurden hier Menschen beigesetzt, gläubige evangelische Menschen aus der Gemeinde. Die Gemeinde ist ja auch schon über 400 Jahre alt. Und auf diesem Areal jetzt ein Gebäude zu bauen für die Evangelische Kirche und wenigstens einen Teil auch dieser alten Geschichte beizubehalten, ist schon schön.“ 

Wo immer schon eine Zufahrt war, kommt auch die Zufahrt zur Straße hin, und damit auch zum Grundstück der Verwaltung. Der Schotterweg nebenan wird zur richtigen Straße ausgebaut. Diese erhält den Namen „Zum Evangelischen Friedhof“. Die Rückmeldung von der Stadt Jülich liege bereits vor; somit auch die neue Adresse des Verwaltungsamts: „Am Evangelischen Friedhof 1“. „Dann bleibt auch schriftlich der Friedhof erhalten. Im Namensschild.“

Das Grab bleibt erhalten. Hier werden immer noch Blumen abgelegt. Foto: Volker Goebels

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