Start Magazin Kunst & Design Nägel, Fett und Bischofsmütze

Nägel, Fett und Bischofsmütze

Kirsten Müller-Lehnen ist fest mit der Jülicher Künstlerszene verbunden. Als langjährige Vorsitzende des Kunstvereins Jülich hat sie viele Ausstellungen begleitet. Was Kunst kann und können darf, was sie bewegt, was sie soll und nicht sollen muss und: Ist das Kunst? Schau ich hin? Oder kann das weg?

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Ein Schrick in der Abendstunde war, als Künstler Egon Schrick im Rathaus 2004 bei seiner Performance "blank" zog. Foto: Dorothée Schenk
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Was ist Kunst eigentlich? „Kunst ist die Vermittlerin des Unaussprechlichen“, meint Goethe. „Kunst ist Anklage, Ausdruck, Leidenschaft!“, schreibt Grass in seiner Blechtrommel. Einig ist man sich nie gewesen und ist es auch heute nicht. Doch muss die Kunst in eine Schublade passen?

„Das geht zu weit!“, haben immer wieder Kunstbetrachter geäußert und auf diese Worte Taten folgen lassen. Man erinnere sich so auch an „die ganz Großen“. Beispielsweise Michelangelos „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle. Das Kunstwerk führte zu einem Streit. Der Grund: Die dargestellten Figuren waren nackt! Per Erlass wurden die Obszönitäten in der Vatikanstadt mit gemalten Tüchern verdeckt.

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„Kunst ist eine Lebensäußerung im kreativen Bereich, die alle Weltphänomene aufnehmen kann“, fasst Kirsten Müller-Lehnen nach einem intensiven Gespräch zusammen. Kunst kann also vieles, vielleicht sogar alles sein. Es darf auf jeden Fall auch einfach nur zum „Seele baumeln lassen“ einladen, wenn man beispielsweise eine Landschaftsmalerei betrachtet. Ist auf jeden Fall manches.

Und trotzdem: Einiges an Kunst hat so das ein oder andere Gemüt in Herzogstadt vielleicht nicht heiß laufen, aber zumindest aufhorchen lassen. So gehörte 1982 auch Joseph Beuys für den Kunstverein Jülich zu den Ausstellern im Hexenturm. „Joseph Beuys, der gemeinsam mit Franz Buchholz ausstellte, hat zwar keinen toten Hasen mitgebracht, dem er die Bilder erklärte, sondern sein zeichnerisches Werk präsentiert, dennoch ist er einer der Künstler, dessen Auftritte einem in den Sinn kommen, wenn man Beispiele sucht, die in der Kunst für Skandal gesorgt haben. Seine „soziale Plastik“, die Verwendung von Fett und Filz, die riesige Honigpumpe am Arbeitsplatz für die 6. documenta 1977 in Kassel durchbrach das eingefahrene Sehen und Denken“, sagt Kirsten Müller-Lehnen.

Es geht folglich darum, den Kunstbetrachter bewusst wahrnehmen und aktuell gesellschaftliche Zustände reflektieren zu lassen. Müller-Lehnen weiter: „Dieses Durchbrechen gewohnten Sehens, diese Brüskierung, die ein Werk auslöst, bereitet einer Entwicklung den Boden, die sich gesellschaftlich vollzieht.

Lastensträger – Hoffnungsträger. Klaus Kaufmann. Foto: privat

Mit seiner politischen Kunst rüttelt auch der Aachener Künstler Klaus Kaufmann am Betrachter. Bei seiner Ausstellung im Hexenturm im Jahr 2016 hatte dieser Beispielsweise den „Lastenträger, Hoffnungsträger“ mit im Gepäck. Hier ist ein wie ein Schiff geformtes Holz über und über mit rostigen Nägeln versehen, die die dicht an dicht gedrängte Menschenmasse symbolisieren. Als „durchaus provokativ“ wurden die Werke damals in der Presse bezeichnet.

Auch Helmut Büchter zählt zu den ausgestellten Künstlern. In seinen kritischen Werken beschreibt dieser Konflikte und Beziehungen der Gegenwart. „Als sensibler, kritischer und politisch aufmerksamer Künstler versucht er in seinen bildgebenden Werken, die Konflikte und Beziehungen der Gegenwart darzustellen“, so Müller-Lehnen und weiter: „Im Lauf seines künstlerischen Schaffens wagte er Herausforderungen in der Bildgestaltung, die den Betrachter mit Freude, Sexualität, Gewalt, Leid und Tod konfrontieren. Die Malereien mit verschränkten Motiven und exzessiver Farbgebung, verlangt aufmerksames Hinschauen und detaillierte Analyse.“

„Spielfuehrer“ Kunst nach Helmut Büchter. Foto: privat

Abfallprodukte und biologische Reste zur Kunst werden lassen – das macht Rainer Weingärtner. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, der berühmte Satz, den das Säubern einer Wanne, ein Werk von Joseph Beuys, nach sich zog, könnte auch Rainer Weingärtner beschäftigt haben. Der Abfall der Wegwerfgesellschaft wird durch ihn zur Kunst“, Müller-Lehnen zu dem Künstler. Seine Grundidee: Sich von der Welt des schönen Scheins zu verabschieden und unschönen Dingen wieder eine Wertigkeit zukommen lassen. Auf der Leinwand stellte Weingärtner mit dem Werk „Artefuck“ auch ein Werk zusammen, bei dem eine Apollo-Statue mit einer Frau aus einem Pornoheft zusammengebracht wurde. „Liebe über eine Distanz von 2000 Jahren“, meint hierzu Weingärnter lässig.


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