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Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an…

Eine Tochter berichtet: Das ganz persönliche Porträt über Ursula Grohmann, die mit 80 Jahren noch einmal in den Ruhestand gegangen ist - als Inhaberin des Café Sole Mio am Markt 8.

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Mutter Ursula Grohmann mit Töchtern. Foto: privat
Mutter Ursula Grohmann mit Töchtern. Foto: privat
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Ein Lied aus Deiner Zeit, aber Dein Motto war zu jedem Zeitpunkt „da fängt das Leben an“, unabhängig von Alter, Zeitpunkt, Erlebnissen. Stillstand oder Resignation sind Fremdworte für Dich. Schon immer gewesen. Als junge Frau alleinerziehend mit Kind von Berlin nach Wedel-Hamburg gezogen, als Sekretärin auch die Stimme der Werbefilmfirma Marken Film geworden, 30 Jahre dort gearbeitet. Immer selbständig, alleinverantwortlich und tough hast Du zwar im Leben angebotene Hilfe auch schon mal gern angenommen, aber am Liebsten hast Du alles allein geregelt und kamst ohne Hilfe gut zurecht.

Positive Sichtweise, auch aus manchmal schwierigen Situationen etwas Positives machen, das konntest Du schon immer. Das habe ich von Dir gelernt und übe noch stets. Manchmal fiel es mir nicht leicht, Dinge nur positiv zu sehen; beispielsweise wenn wir zu meiner Jugendzeit zusammen verreist sind und sich das Ferienhaus in Villefranche-sur-Mer als kilometerweit am Berg liegend entpuppte und wir täglich diesen Weg zum Strand zu Fuß gegangen sind. Die größte Hitze zur Schulferienzeit August und wir marschierten Kilometer Berggassen hinauf. Ein Wasserbrunnen auf halber Höhe war der Himmel. Oder wenn wir gefühlt tagelang mit dem Nachtzug von Hamburg nach Nizza gefahren sind. Jahrelang diese Zugfahrt, weil Du nicht gern fliegen wolltest. Welch ein Gelächter trotz des wenigen Schlafes im ratternden Zug, bei Hitze, verschwitzt und ohne Duschmöglichkeit dann morgens aus dem Zugfenster schauend am Mittelmeer entlangzufahren. Rückblickend war es trotz der Fahrt wirklich schön und wir hatten immer eine Menge Spaß zusammen. Oder wenn wir in der Bahn in Hamburg saßen und uns nicht ansehen durften und wir krampfhaft aus dem Fenster schauten, weil wir vor Lachen fast losprusten mussten. Der Grund? Oftmals nichts Besonderes. Einfach zwei Kindsköpfe, die über Nichts so herrlich lachen konnten, dass andere Fahrgäste sich seltsam ansahen und uns diese Tatsache nur noch mehr zum Lachen brachte.

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Wir haben uns immer gut zusammengerauft, zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Das hast Du mit Deinen Kunden in den unterschiedlichsten Geschäften in Jülich auch zusammen erlebt. Freude, gute Gespräche, schöne Erlebnisse und dann auch die Schicksale, die uns manchmal treffen. Mit Deinem eigenwilligen Kopf und Deiner direkten Art kamen Deine Kunden gut zurecht und manches Mal wurde auch hitzig diskutiert. Das gehört dazu, das ist Leben sagtest Du. Mit dem Café Sole Mio hast Du eine Reihe von Geschäften in Jülich fortgesetzt. Und, ich habe gefühlt den Eindruck, Du warst schon in jeder Ecke von Jülich einmal ansässig. Angefangen vor 18 Jahren in der Kölnstraße mit einem kleinen Schmuckgeschäft, als Du von Hamburg nach Jülich gezogen bist, um näher an Deinen Enkelkindern Helena und Johann zu sein. Dann in die kleine Rurstraße gezogen, die Düsseldorfer Straße und dann zum Marktplatz. Immer auf der Suche nach Veränderung, Verbesserung, um etwas Schönes, nicht Alltägliches zu bieten. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Messen, auf die Du gefahren bist, um Schöne und ausgefallene Schmuckstücke zu finden. Etwas, was nicht Jeder hat und trotzdem für Kunden bezahlbar bleibt. Eben nicht Mainstream. Das war überhaupt das, was Du nie wolltest, Mittelmäßigkeit. Du wolltest Geschäfte machen mit außergewöhnlichen Dingen, die es nicht in Serie gab. Etwas bezahlbar Persönliches. Das war nach den Läden mit Schmuck und Accessoires dann auch Deine Idee mit dem Café.

Ein Tisch, der viele zusammengebracht hat im O Sole Mio. Foto: privat
Ein Tisch, der viele zusammengebracht hat im Café Sole Mio. Foto: privat

Ein Café, in dem sich Leute treffen, die sehr unterschiedlich sind. Ein Ort, wo man sich wohl fühlt. Etwas, wie das zweite Wohnzimmer. Daher auch die Idee die Gäste in keinem gewöhnlichen Ambiente mit kleinen separaten Tischen zu platzieren. Das gab auch schon der Raum des Cafés nicht her und so war die Idee eines großen gemeinsamen Tisches entstanden. Erst zweifelten wir und auch manche Gäste am Anfang. Ein großer Tisch, an dem man sich zusammen setzen sollte mit Fremden? Da könnte man ja nicht unter sich sein und erzählen. Ist es nicht seltsam dann so nah bei fremden Gästen zu sitzen?

Fragen, die sich nach kurzer Zeit selbst beantworteten. Es hatte etwas Verbindendes in dem kleinen Café am großen Tisch gemeinsam zu sitzen. Man unterhielt sich über die Tische hinweg und hatte das Gefühl kurz zuhause Halt zu machen für einen Kaffee und einen Plausch, um dann weiterzuziehen. Oft hatten wir dennoch überlegt doch vielleicht mehr und kleinere Tische anstelle des großen zu stellen und jedesmal kam Protest von den Gästen „Nein! Dieser Tisch ist doch so schön und gehört hierher!“ So ist es dabei geblieben und hat sich im Frühjahr und Sommer zur kleinen Außenterrasse ausgeweitet.

Ich denke das Café Sole Mio war ein Café mit ganz eigener, gemischter Klientel, die dieses besondere „Etwas“ geschätzt haben. Größer, professioneller, mehr geht immer, man darf nur den Charme und das Persönliche nicht außer Acht lassen. Ich denke das ist es, was Gäste anzieht und immer wiederkehren lässt. Kaffee gibt es letzten Endes an vielen Orten – wo man ihn gerne immer wieder trinkt jedoch nicht.

Jetzt, wo Du das Café übergeben hast und etwas Anderes entstehen wird, hast Du wieder Zeit für Dich, Mama. D.h. jedoch nicht, dass nun die Ruhe und der Stillstand eingezogen sind. Hätte uns Familie auch gewundert. Nun hast Du Zeit, Dir etwas Neues zu überlegen, denn wie singt es sich so schön „mit 66 Jahren da fängt das Leben an, da ist noch lange nicht Schluss….“. Egal, ob nun mit 66 oder fast 81 Jahren. Man ist nun vielleicht etwas eingeschränkter, aber lange noch nicht unfähig tatkräftig Neues zu verwirklichen, wenn man Lust dazu hat.

Die Ideen sind noch lange nicht versiegt und wir sind gespannt, was Du als nächstes aus Deinem Ideenkästchen auspacken wirst!

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