Start Hintergrund „Demokratie ist eine Frage der Haltung – auch vor Ort“

„Demokratie ist eine Frage der Haltung – auch vor Ort“

Vortrag von Dorothée Schenk aus Anlass des Demokratischen Abends am 9. Juni 2026 auf Einladung der Stabsstelle NaMok der Stadt Jülich

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Dorothée Schenk. Foto: Oliver Garitz
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Geneigtes Publikum, politisch Engagierte,
liebe Demokratinnen und Demokraten,

Text als Podcast

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der Vortrag hier in Jülich in diesem Rahmen ist ja eigentlich ein bisschen Eulen nach Athen tragen: Die meisten Anwesenden bekennen sich nicht nur zur Demokratie, sie leben sie auch: im Mandat, im Ehrenamt, durch ihre persönliche Haltung.

Mit diesem Anliegen, diese lokalen Gegebenheiten hier in Jülich vorzutragen, ist damals die Veranstalterin an mich herangetreten. Wir wissen: Demokratie ist anstrengend, sie erfordert ein hohes Maß an eigenem Einsatz.

Wir in der Redaktion hören ganz oft: „Das habe ich ja gar nicht gewusst.“ „Das stand doch nirgendwo.“ „Dafür ist zu wenig Werbung gemacht worden.“ Wie sagte es eine engagierte Vertreterin der Jülicher Stadtverwaltung: „Wir können doch nicht an jeder Tür in Jülich klingeln und den Leuten die Informationen bis nach Hause tragen.“

So ist es.

Demokratie steht nicht in der Komfortzone, sie ist kein weicher Sessel, der vor 77 Jahren in Deutschland in den Wohnzimmern aufgestellt wurde und von dem aus wir die Demokratie wie die Abend-Soap mit Knabberzeug und Kaltgetränk konsumieren können.

Demokratie ist kein Zuschauerevent und – ganz wichtig: Demokratie hat keine Bringschuld.

Demokratie erfordert, dass sich jeder und jede Einzelne persönlich informiert durch die öffentlich zugänglichen Möglichkeiten. Und das erfordert natürlich – und ist für mich selbstverständlich –, dass diese Informationen auch verständlich und transparent bereitgestellt werden müssen.

Das gilt für die Welt- und Bundespolitik wie auch vor Ort, in Jülich.

Wer sich eine Meinung bilden will und nicht nur eine Meinung haben will, der kommt nicht daran vorbei, sich selbst zu bewegen.

Für das heutige Publikum ist es vermutlich eine Selbstverständlichkeit, aber hier noch mal ganz kurz, weil das mein Auftrag war, die Informationsquellen, die in Jülich zur Verfügung stehen.

Das ist natürlich zuallererst das öffentlich zugängliche Ratsinformationssystem mit allen Sitzungsterminen, Tagesordnungen und Sitzungsvorlagen.

Und jetzt hier der kleine Werbeblock. Wem das zu anstrengend ist, der kann auch im HERZOG online unter nachlesen. Da kündigen wir nämlich jede Sitzung an und verlinken auf die Tagesordnung.

Wer den nächsten Schritt gehen möchte, der nimmt persönlich an den Sitzungen teil und verfolgt die Debatten und die Vorträge zu den einzelnen Tagesordnungspunkten. Da mir klar ist, dass das nicht immer möglich ist, empfiehlt es sich, die Berichterstattung der örtlichen Presseorgane zu Rate zu ziehen.

Aber Achtung: Das sind natürlich gefilterte Nachrichten!

Das Ziel des seriösen Journalismus ist es, möglichst informativ und sachlich Themen darzustellen und natürlich demokratische Missstände aufzunehmen und zu kommentieren.

Machen wir uns aber nichts vor: Auch hier sitzen am Ende der Tastatur und vor dem Bildschirm immer Menschen mit eigener Haltung und Prägung.
Darum gilt: Wer sich eine Meinung bilden möchte, der ziehe nicht nur eine Quelle zu Rate. Neben den lokalen Print- und Online-Medien gibt es noch die Kollegen von den Radiosendern, die Informationen bieten.

Wer nicht nur dabei, sondern mittendrin sein möchte, kann sich beteiligen: Jülich bietet hierzu eine Vielfalt an Möglichkeiten.

Es gibt einmal die Einwohnerfragestunde, die der Stadtrat beschließen muss. Fragen zu Angelegenheiten der Stadt können an den Bürgermeister gerichtet werden. Das war zuletzt in Jülich am 23. April so.

Dann kann man per Bürgerantrag konkrete Anliegen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Das kann ein Radweg sein, die Verbesserung von öffentlichen Plätzen oder Klimaprojekte. Besonders häufig ist eine Beteiligung bei Bauprojekten möglich, ganz einfach deshalb, weil das gesetzlich vorgeschrieben ist. Hier können Stellungnahmen abgegeben und Einwände formuliert werden.

Die Stadt nutzt das Beteiligungsportal NRW.
Dort können Bürger an Umfragen teilnehmen, Stellungnahmen zu Planungen abgeben, Diskussionen verfolgen, und auch das trägt natürlich zur Meinungsbildung und zum Demokratiebild bei.

Wer Worten auch Taten folgen lassen möchte, kann einer Partei beitreten. Ich meine hier vor allem die Parteien, die sich dem Grundgesetz verpflichtet fühlen. Denn Demokratie ist ja unser heutiges Thema.

Er kann sich auch Vereinen und Initiativen anschließen – beispielsweise der Bürgerinitiative Stadtbäume Jülich, dem Bürgerrat Rheinisches Revier, dem Arbeitskreis für ein inklusives Jülich (AKI), dem Verein Arbeitskreis Asyl Jülich e. V.

In den Ortsteilen bieten sich die Dorfvereine an, die tatsächlich in Jülich stark vertreten sind und die fast jeder Ort hat. Und auch hier gibt es themenbezogene Bürgerinitiativen: Bürgerinitiative „Birkenweg“, Arbeitskreis „Umwelt, öffentlicher Raum und Verkehr“ und Bürgerhalle in Kirchberg, die als Untergruppen zur Dorfgemeinschaft Zukunft Kirchberg e. V. gehören. Diese Gruppen bringen Themen in die politische Diskussion ein und beeinflussen Entscheidungen. Hier wird Demokratie vor Ort gelebt.

Demokratie ist allerdings kein „Verein“, dem man beitritt.Es ist eine Frage der Haltung und Überzeugung.

Wie bildet sich eine Haltung? Zuerst durch Informationen – und zwar nicht durch einseitige.

Die vielzitierte „Blase“ – die Gruppierung der Gleichgesinnten – wird im Internet professionell durch den Algorithmus bestimmt. Bekanntermaßen „lernen“ die Oberflächen, welche Themen vom Nutzenden besonders geklickt werden. Diese Themen werden verstärkt und unaufgefordert gezeigt. Das heißt im Klartext: Eine „Blase“ und der Algorithmus sind einer Meinungsbildung nicht förderlich – sie bestärken vor allem die eigene Meinung.

Weder Social Media noch eine KI sind mit der 12-bändigen Brockhaus-Ausgabe oder einem anderen Lexikon vergleichbar. KI ist – um es mit der Vorsitzenden des Forschungszentrums Jülich zu sagen – ein Werkzeug, das man beherrschen muss, oder wie ein Mitarbeiter, der auch nur dann gute und richtige Ergebnisse liefern kann, wenn er klar formulierte Aufträge hat. KI baut auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Wahrheiten. Social Media und KI sind auch keine Suchmaschine.

Was ich damit sagen möchte: Es sind immer Skepsis, Zweifel und mindestens Zweit- und Drittquellen erforderlich, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Und mit Zweit- oder Drittquellen sind nicht diejenigen gemeint, die der Algorithmus uns vorschlägt.

Nichts ersetzt die Eigenverantwortung.

Wenn ich mir jetzt eine Meinung gebildet habe, was ist als Nächstes vonnöten? Der Austausch und die Begegnung und sicher keine Plattform, die ermöglicht, anonym Unmut, Hass und Hetze Ausdruck zu geben.

Demokratie braucht den Meinungsaustausch, nicht den Schlagabtausch.

Vergangene Woche – um das aus eigenem Erleben zu sagen – mussten wir zweimal auf Facebook Kommentarspalten schließen und für weitere Beiträge sperren. Die Begründung ist nachlesbar: Der HERZOG legt Wert auf einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander. Wir fördern und wollen respektvollen Diskurs, der geschützt werden muss. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jede Form der Kommunikation überall veröffentlicht werden muss.

Da sind wir beim Journalismus, bei Veröffentlichungen.

Journalismus ist als vierte Macht im Staate von Bedeutung und wichtiger Bestandteil unserer Demokratie.

Er liefert Informationen und Hintergrundberichterstattung. Die Einordnung gesellschaftlicher und politischer Ereignisse ist eine der wichtigsten Aufgaben. Er gibt auch Minderheiten eine Plattform und ermöglicht öffentliche Debatten.

Bedauerlicherweise liegt bei den modernen Medien oft ein falsch verstandenes Selbstverständnis vor: Die Aufgabe des Journalismus im Allgemeinen und natürlich auch im Lokaljournalismus im Besonderen soll nicht sein, für die Leserschaft, für Menschen zu entscheiden, ihnen eine Meinung „zu bilden“, sondern eine Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Dabei ist eine klare Sprache wichtig. Und die Haltung ist von entscheidender Bedeutung: Öffentliche Debatten werden mit Respekt und auf Sachebene geführt – basierend auf Fakten, nicht auf Gefühlen und auch nicht auf einer KI. Und ja: Die Redaktion (nicht nur unsere, sondern jede) entscheidet – immer – nach ihrer Haltung.
Die HERZOGliche ist die der unbedingten Selbstverpflichtung zur Demokratie und Treue zu unserem Grundgesetz, das unsere Rechte trägt.

Wenn viele Dinge für die Medienwelt allgemein gelten, ist der Lokaljournalismus noch mal anders als regionaler oder überregionaler Journalismus.

Der Lokalredakteur wohnt in der Stadt, ist hier in Vereinen und Organisationen verortet, geht auf Veranstaltungen und in Kneipen und pflegt Freundschaften. Es geht da nicht um Amigo-Tum oder den bekannten Klüngel, sondern es geht um persönliche Kontakte, die über die Zeit entstehen und in unterschiedlicher Intensität gelebt werden. Hieraus wachsen Hintergrundgespräche, die eine bessere Einordnung von Sachverhalten ermöglichen.

Darum gilt: Der Journalist schreibt nicht alles, was er weiß.

Das wäre auch fatal, denn er trägt ein hohes Maß an Verantwortung. Vieles wissen „gut informierte Kreise“ schon früh, aber auf den Zeitpunkt kommt es an, wann die Öffentlichkeit davon erfährt. Die Frage muss doch sein: Sind Beiträge, die gemeinhin mit „öffentlichem Interesse“ etikettiert werden, nur der Eitelkeit des Wissenden geschuldet oder wirklich wichtig für die Öffentlichkeit zu wissen – und zwar jetzt und sofort? Oder reicht nicht vielleicht erst morgen? Wenn das Gremium über eine Förderung, eine Baumaßnahme oder Personalie entschieden hat?

Zur Demokratie gehört die Öffentlichkeit – die Journalisten haben aber nicht die Aufgabe, Entscheidungen durch frühzeitige Veröffentlichungen vorwegzunehmen oder sie zumindest zu beeinflussen.

Sie dürfen sich nicht instrumentalisieren lassen.

Durch Hintergrundgespräche wächst Vertrauen. Nur so lassen sich meiner Ansicht nach qualifizierte Beiträge schreiben. Um Hajo Friedrichs, einen Giganten des Journalismus, zu zitieren, den ich sehr verehre: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“

Das ist tatsächlich im Lokaljournalismus die größte Herausforderung. Es darf keine Scheu bestehen, auch Missstände zu benennen, wenn sie den Bekannten- oder Freundeskreis betreffen. Fairness ist dabei ein wichtiger Grundsatz. Mein Credo, das ich immer wieder Menschen in meinem Umfeld ungefragt mitteile: Ich werde schreiben, wenn etwas nicht gut läuft … bei Dir, bei Ihnen. Aber ich sage vorher, dass ich es tue – und werde nicht nur den Vorwurf, sondern auch die Erläuterung der Betroffenen dazu veröffentlichen.

Auch das habe ich in meiner über 30-jährigen Redakteurinnenlaufbahn erleben müssen. Das ist nicht einfach und erfordert Haltung. Eine, die immer wieder hinterfragt werden muss.

Das genau macht für mich den Journalisten wie den Demokraten aus:
• im Gespräch bleiben
• offen sein
• Altes immer wieder neu denken
• Fakten prüfen – in unterschiedlichen Quellen – am besten immer an der Quelle, denn jeder Sachverhalt hat einen Ursprung
• nicht nur andere hinterfragen, sondern vor allem auch sich selbst.

Das ist anstrengend, das ist unbequem, das erfordert persönlichen Einsatz.

Um Barack Obama zu zitieren: Wahlen allein machen noch keine Demokratie.

Und unsere Demokratie ist aktuell – auch in Jülich – fragil. Um sie zu erhalten und zu befördern, brauchen wir Begegnung, die Solidargemeinschaft der demokratischen Kräfte und Menschen, die unsere freiheitliche Ordnung tragen und verteidigen.

Wir brauchen den Mut zu klaren Worten, klaren Linien und eine Haltung, wenn Grundwerte und Verfassungsprinzipien angegriffen werden.

Das ist aktueller denn je: Heute war es in den Nachrichten zu hören: Die Anzahl politisch motivierter Straftaten hat 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Rechtsextremistisch motivierte Straftaten blieben insgesamt mit rund der Hälfte aller Fälle „mit Abstand“ der größte Bereich, wie Innenminister Alexander Dobrindt sagte. Verzeichnet wurden 42.544 rechtsextremistisch motivierte Straftaten.

Abschließend möchte ich aus der neuesten LP der Toten Hosen vier Textzeilen aus dem Stück „Was ist mit uns los“ zitieren, die meine persönliche Gemütslage treffend wiedergeben:

Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen
Wie groß unsere Freiheit ist
Was ist bloß los, dass wir wegschmeißen
Wonach die halbe Welt sich sehnt.


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