Start featured Nichts ist uneinnehmbar!

Nichts ist uneinnehmbar!

108
0
TEILEN
Nicolaes van Geelkercken, Die Belagerung der Festung Jülich durch die Spanier 1621, Kupferstich. Original und Foto: Rijksmuseum Amsterdam
- Anzeige -

Die Festung Jülich stand zu Beginn des 17. Jahrhunderts gleich zwei Mal im Fokus kriegerischer Auseinandersetzungen. Während die erste Belagerung 1610 Teil des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits war, fand die zweite Belagerung 1621/22 vor dem Hintergrund des seit 1568 tobenden Spanisch-Niederländischen Krieges statt. In beiden Fällen war die Aufmerksamkeit europaweit groß.

Der Ausbau der Stadt Jülich zu einer von den Zeitgenossen vielgerühmten Festung erfolgte seit 1546/47 für Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg. Er gab der Stadt nach Plänen des italienischen Architekten Alessandro Pasqualini ein völlig neues Gepräge als ideale Residenz- und Festungsanlage. Jülich besetzte zwischen Maas und Rhein, im unmittelbaren Vorfeld der Niederlande, einen bedeutsamen geostrategischen Punkt. Ein von Westen kommender Angreifer war von hier aus rasch in Köln und damit am Rhein, und umgekehrt, von Osten kommend, war es, wenn man die Rur überquert hatte, nur noch ein Katzensprung bis zum Maastal.

- Anzeige -

Die Zeitgenossen zeigten sich beeindruckt von den Festungsbauten, allen voran der Straßburger Festungsbaumeister Daniel Specklin, der die Zitadelle Jülich in seiner „Architectura von Vestungen“ aus dem Jahr 1589 als „das aller beste Castell (…) so in gantzem Niderland ist“ bezeichnete. Die größte Herausforderung stellte dar, die Festung adäquat mit Menschen und Material auszustatten. Eine richtige „Inbetriebnahme“ der Zitadelle erfolgte erst im Kontext des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits, als der jülichsche Amtmann Johann von Reuschenberg die Festung im Namen des Kaisers besetzte und dabei 1610 von Erzherzog Leopold von Österreich unterstützt wurde. Der Erzherzog musste aber rasch erkennen, dass er sich hier auf verlorenem Posten befand. Hilfestellung von den spanischen Statthaltern in den Niederlanden – Albrecht von Österreich und Isabella Clara Eugenia von Spanien – war nicht zu erwarten, da diese gerade einen auf zwölf Jahre befristeten Waffenstillstand mit den Niederländischen Generalstaaten geschlossen hatten. Ganz anders sah es auf der Gegenseite aus. Hier gab es eine breite Unterstützung der Erbanwärter durch die Generalstaaten, durch die Könige von England und Frankreich sowie durch die Union der protestantischen Fürsten im Reich.

Medaille auf die Belagerung Jülichs 1610 mit der Umschrift „Nihil inexpugnabile – Nichts ist uneinnehmbar“ Original und Foto: Museum Zitadelle Jülich

Den Kriegsparteien war die Schlüsselstellung Jülichs bewusst. Moritz von Oranien, der Heerführer der Generalstaaten, sah hier eine gute Chance, den gerade abgeschlossenen Waffenstillstand zu unterlaufen, ohne ihn zu brechen, denn die Auseinandersetzung fand nicht in den Niederlanden selbst statt, sondern im Herzogtum Jülich. Innerhalb eines Monats kapitulierte die Besatzung Jülichs.

Nach Ablauf des 1609 geschlossenen zwölfjährigen Waffenstillstands zwischen dem König von Spanien und den Niederländischen Generalstaaten flammte der Konflikt erwartungsgemäß wieder auf. Anders als von den Generalstaaten gedacht und erhofft, setzte sich die Kriegsmaschinerie der Spanier umgehend und mit großer Wucht in Bewegung. Moritz von Oranien hatte seine Truppen bei Nijmegen gesammelt, um den möglichen Einfallversuch der Spanier unter ihrem Heerführer Ambrosio Spinola über den Niederrhein entgegenzutreten. Tatsächlich zog Spinola mit einem Heer von 40.000 Mann Anfang September 1621 an den Niederrhein. Sein Ziel war es, die niederländischen Truppen von den von ihnen besetzten Festungen abzuschneiden, damit bei Belagerungen ein Entsatz unmöglich gemacht würde. Das erste und strategisch bedeutsamste Ziel dieser Aktion war die Festung Jülich, die seit 1610 von generalstaatischen Truppen gehalten wurde, wodurch die Nachschubwege der Spanier empfindlich behindert wurden. Es war Aufgabe Graf Hendriks van den Bergh mit 7.000 Mann, die Festung Jülich für die spanische Krone zu gewinnen. Am 5. September 1621 erreichte das spanische Heer Jülich, wovon der niederländische Stadtkommandant Frederik Pithan überrascht wurde. Er verfügte zwar über eine zwischen 1614 und 1621 modernisierte Festung, aber kurz zuvor waren Teile der Besatzung in die Niederlande zurückbeordert worden und zudem war das in den umliegenden Ortschaften eingelagerte Proviant nicht rechtzeitig vor Beginn der Belagerung in die Stadt geschafft worden.

Die erste Belagerung der Festung Jülich im Spätsommer 1610 hatte Moritz von Oranien geradezu mustergültig vorgetragen. Mit großem Einsatz von Mensch und Material war es ihm darum gegangen, möglichst rasch die als uneinnehmbar geltende Festung zu erobern. Mit einem gewaltigen Heer von etwa 12.000 Mann war dies tatsächlich gelungen. Graf Hendrik van den Bergh verfolgte bei der im September 1621 einsetzenden Belagerung ein anderes Konzept. Durch Einschluss und beständiges Setzen von Nadelstichen, versuchte er die Verteidiger zu demoralisieren und auszuhungern. Ein zermürbender Abnutzungskampf setzte ein, der nahezu fünf Monate dauern sollte. Das Momentum lag aber von Anfang an auf Seiten der Spanier, die sich sicher sein konnten, dass Moritz von Oranien in seinem Winterlager festsitzend, hilflos mit ansehen musste, wie Jülich aushungerte und schließlich Anfang Februar 1622 kapitulierte.

Die Ausstellung „Weltreich und Provinz. Die Spanier am Niederrhein 1560–1660“ im Pulvermagazin des Museums Zitadelle Jülich erzählt noch bis zum 30. Oktober 2022 die wechselvolle Geschichte Jülichs zwischen den Kriegsfronten der Jahrzehnte um 1600.
Guido von Büren

Mit dem Thema „Die Festung im Ernstfall: Belagerungen in Theorie und Praxis“ beschäftigt sich die 41. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Festungsforschung e.V., die vom 23. bis 25. September 2022 in der Zitadelle Jülich stattfindet.

Nähere Informationen zum Programm und den Anmeldemodalitäten sind zu finden unter https://festungsforschung.de/aktivitaeten/tagungen/.

TEILEN
Vorheriger ArtikelWissen macht Spaß
Nächster ArtikelEin Träumchen von Capiluns
Guido von Büren
Eine echte Muttkrat und mit unbändiger Leidenschaft für Geschichte und Geschichten, Kurator mit Heiligem Geist, manchmal auch Wilhelm V., Referent, Rezensent, Herausgeber und Schriftleiter von Publikationen, Mitarbeiter des Museums Zitadelle und weit über die Stadtgrenzen hinaus anerkannter Historiker, deswegen auch Vorsitzender der renommierten Wartburg-Gesellschaft

§ 1 Der Kommentar entspricht im Printprodukt dem Leserbrief. Erwartet wird, dass die Schreiber von Kommentaren diese mit ihren Klarnamen unterzeichnen.
§ 2 Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.
§ 3 Eine Veröffentlichung wird verweigert, wenn der Schreiber nicht zu identifizieren ist und sich aus der Veröffentlichung des Kommentares aus den §§< 824 BGB (Kreditgefährdung) und 186 StGB (üble Nachrede) ergibt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here