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Süße Perspektiven

Bald fliegen sie wieder: Die Kamelle. Hauptbestandteil: Zucker. Gewonnen wird er aus der Zuckerrübe, der Kulturpflanze des Jülicher Landes. So gut wie in diesem Jahr war die Ernte noch nie. „Höchster Hektarertrag aller Zeiten in NRW“ meldete das statistische Landesamt – und das gilt auch für Jülich. Zum Ende der Kampagne und Beginn der fünften Jahreszeit wirft der „Herzog“ einen Blick hinter die Werkskulissen der Jülicher Zuckerfabrik.

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Kleine Knolle mit großer Ausbeute: Die Zuckerrübe. Foto: Pixabay
Kleine Knolle mit großer Ausbeute: Die Zuckerrübe. Foto: Pixabay
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Attraktiv ist sie nicht gerade, die Rübe. Sie ist eher knubbelig als ebenmäßig und erdig braun – aber es steckt viel in der Rübe. 100 Prozent nämlich. Es gibt nichts, was an einer Zuckerrübe nicht zu verwerten ist: Wenn der Rübe der Zucker entzogen ist, um daraus fast in 70 verschiedenen Körnungen den süßen Stoff zu produzieren, bleibt viel Wasser aus der Frucht übrig. Das Wasser wird zum Betrieb der Anlage „Zuckerfabrik“ verwendet – in einem Kreislauf. Außerdem sind die „Reste“ als Trockenschnitzelpellets und Pressschnitzel begehrtes Viehfutter.

Fast ins Schwärmen geraten Ulrich Palandt, Kaufmännischer Standortleiter, und Jens-Peter Wegner, Standortleiter Produktion und Technik.

„Die Rübe ist ein Gut, das ist einmalig“

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sagt Palandt und Wegner ergänzt: „Die Rübe bringt doppelt so viel Energie pro Hektar wie andere Pflanzen. Wenn man sich über Energiefragen der Zukunft unterhält, sollte man das eigentlich im Hinterkopf haben.“

In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel verändert. Rund 1600 Landwirte beliefern die Zuckerfabrik, 1000 weniger als noch in den 1990er Jahren. Die kleineren Landwirte gibt es nicht mehr. „Das sind heute Profibetriebe“, erläutert Palandt. Die – meist studierten – Agrarökonomen kümmerten sich wesentlich qualifizierter um den Rübenanbau, sagt Wegner. Das macht sich eben bemerkbar: Durch Züchtungen – biologische, nicht genetische, betont Wegner – sind die Rüben nicht nur größer geworden, es haben sich auch robustere Arten herauskristallisiert, die für bestimmte Schädlinge und Krankheiten nicht oder weniger anfällig sind. Damit ist der Ertrag für den bauern und damit auch die Zuckerfabrik größer. Die gute Ernte hat aber auch einen weiteren Grund „auf den wir keinen Einfluss haben“, bekennt Palandt schmunzelnd: Mutter Natur und das Quentchen Glück. Sät der Landwirt zum richtigen Zeitpunkt aus – also kommt Väterchen Frost nicht noch zufällig um die Ecke – regnet es zu den richtigen Zeitpunkten und die Sonne scheint zu den Wachstumsphasen, ist die Zuckerrübe begünstigt. Denn eigentlich ist sie eine „sensible Pflanze“ , wie Wegner unterstreicht.

Weniger Bauern liefern mehr Rüben. Bis zum 1,8 Millionen Tonnen erreichen die Zuckerfabrik Jülich pro Kampagne. Sie dauert heute nicht mehr 90, sondern 130 Tage. Nur merken das inzwischen die wenigstens Jülicher. Längst ist die Moderne nicht nur auf dem Acker angekommen, sondern auch in der Anlieferung.

Die Zuckerfabrik Jülich wächst seit der Werksgründung 1880 kontinuierlich. Foto: Zuckerfabrik
Die Zuckerfabrik Jülich wächst seit der Werksgründung 1880 kontinuierlich. Foto: Zuckerfabrik

Ein verklärter Blick zurück: In der Zeit zwischen September und Dezember blockierten die Trecker die Zulieferstraßen in und um die Stadt ab 6 Uhr morgens. Die Straßen hatten oft einen erdig braunen Film von der Ackerkrume, die aus den profilierten Rädern der Traktoren fielen. Anhänger an Anhänger standen sie, die Motoren liefen auch wenn der Verkehr stand. Die Landwirte standen auch, aber auf der Straße und ratschen, rauchten oder tranken Kaffee aus Thermoskannen. Nicht selten war es für die Kinder ein großer Spaß, die herabgefallenen Rüben zu sammeln, und – wie sagt man so schön: Dreck scheuer den Magen – direkt „von der Straße“ zu essen. Taschenmesser raus, Schnitzel abgeschnitten… lecker. Dazu lag über Jülich ein süßer Duft. Der verbreitete sich nicht nur als Wasserdampf aus der Schnitzeltrockung, wie es auch heute noch ist und je Windlage ruchbar, sondern entströmte auch den kleinen Kanälen, durch die das Rübenwasser an der Rur entlang zu den Nordpoldern geleitet wurde. Das ist längst Geschichte. Heute sind die Rinnen verfüllt, auf den Nordpoldern ist das Kleingartengelände in direkter Nachbarschaft zum Schulzentrum entstanden und die Polder liegen beidseitig der B55 in Richtung Düren.

Heute erhalten die Maschinenringe, zu denen sich die Rübenbauern zusammengeschlossen haben, per EDV einen Anlieferplan. Das Ergebnis: Es kommt nicht mehr zu langen Warteschlangen. Die Aufenthaltszeiten von der Waage bis zur Ausfahrt Entladung liegt bei rund 13 Minuten, berichtet Palandt. Dazu kommt, dass die Fahrzeuge moderner geworden sind. Der traditionelle Traktor mit Anhänger, der von der Lärm- wie Schadstoffemission deutlich wahrnehmbarer ist, ist längst in der Mehrzahl dem Lastwagen gewichen. Die Anlieferung in den modernen LKW lässt die Rüben nur noch selten auf der Straße landen. Gesteuert wird er auch nicht mehr vom Rübenbauern selbst, sondern meist von Fahrern einer Spedition, die vom Maschinenring engagiert wird. So kommt es, dass fast rund um die Uhr geliefert werden kann – außer zwischen Samstag 18 Uhr und Montagmorgen. Während die Anlieferer und Anwohner das Wochenende genießen läuft das Werk weiter auf Hochtouren. Dazu werden auf dem Rübenhof rund 30.000 Tonnen Zuckerrüben „auf Halde“ gelegt und zu den lieferfreien Zeiten verarbeitet.

Kristalliner Zucker in 70 verschiedenen Körnungen wird in Jülich hergestellt. Foto: Pixabay
Kristalliner Zucker in 70 verschiedenen Körnungen wird in Jülich hergestellt. Foto: Pixabay

Wenn die letzte Rübe am 24. Januar verarbeitet ist, dann ist aus den Rüben kristalliner Zucker geworden, der in den Zuckersilos lagert, oder Dicksaft, der in den Dicksafttanks aufbewahrt wird. Aber dann geht es noch nicht, wie man glauben möchte, bis zum Start der neuen Kampagne im September 2018 in die Ruhephase. Ehe der Großteil der Belegschaft in den wohlverdienten Urlaub geht, muss das fünftägige Großreinemachen absolviert werden. Denn Zucker ist bekanntermaßen eine klebrige Angelegenheit, die auch den Maschinen schadet, wenn sie nicht gesäubert werden. Wenn Anfang März der Betrieb wieder vollbesetzt ist folgt die Überprüfung und gegebenenfalls Überholung der Maschinen. Und am 3. April startet die Dicksaftkampagne, die rund 55 bis 60 Tage dauert. „Die bekommt dann wirklich keiner mehr mit“. Der Dicksaft wird aus den Dicksafttanks gepumpt, die Anlage fährt wieder hoch und die Herstellung des kristallinen Zuckers beginnt von Neuem. Neu im Einsatz ist dann Silo Nummer 6, das derzeit noch fertig gestellt wird.

Während die Zuckergewinnung wieder auf Hochtouren läuft, wird auf dem Gelände an der Dürener Straße aber auch die Abrissbirne zum Einsatz kommen. Die Alte Pellethalle wird abgerissen, dort entsteht die neue „Veredelung“, eine große Halle, in der über 70 Mitarbeit zum Einsatz kommen. „Dann stellen wir wieder das her, was uns früher so viel Freude bereitet hat: 1-Kilo-Pakete“, sagt Ulrich Palandt und die Freude ist ihm im Gesicht abzulesen. „Wir bekommen es zurück!“ Würfelzucker aus Jülich wird ab 2019 wieder in den Regalen der Supermärkte zu finden sein. Richtig investiert wird vom Mutterkonzern Pfeifer & Langen in den Standort Jülich. Wie viel, da hüllt sich Werksleiter Palandt in vornehmes Schweigen. Aber die Summe ist erheblich und „Da sind wir richtig stolz drauf, das wir das Vertrauen der Geschäftsführung haben, dass wir das hier in Jülich bauen können.“ Das ist nicht nur eine Standortsicherung, es werden Arbeitsplätze geschaffen. Von 150 auf 210 Mitarbeiter wird die Belegschaft wachsen – plus der 60 Kampagnemitarbeiter.

„Gut für Jülich. Schön für Jülich. Wichtig für den Standort. Ich glaube, davon profitieren wir alle.“

Zehn Jahr ehe in Jülich 1880 die Zuckerfabrik eröffnete war die heutige Unternehmerfamilie Pfeiffer & Langen schon im Geschäft um das süße Gold. 2006 erfolgte die Übernahme der Zuckerfabrik Jülich AG durch die Kölner Firma Pfeifer & Langen. Der Konzern erwarb die Aktienmehrheit. Seitdem produziert die Zuckerfabrik Jülich auch unter dem Namen Westzucker. Seit dem 1. Januar 2014 ist die Zuckerfabrik Teil der Pfeifer & Langen GmbH und Co. mit Sitz in Köln. Die vorherige Zuckerfabrik Jülich GmbH ist damit aufgelöst.

Zur Werkgeschichte von Pfeiffer & Langen

Sehen Sie hierzu Jülichs weißes Gold im weißen Gewand

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