Start Magazin Geschichte/n Bilder, die das Grauen greifbar machen

Bilder, die das Grauen greifbar machen

Wie stellt man ein unvorstellbares Familien-Schicksal in fünf bis sieben Bildern dar? Das ist die Aufgabe von 13 Schülerinnen und Schülern der Sekundarschule. In einer Graphic Novel-Umsetzung beschäftigen sie sich mit der Jülicher Familie Lichtenstein, für die ein Stolperstein verlegt werden soll.

1
0
TEILEN
Schülerinnen pausen Hintergründe für die Panels ab. Foto: Ariane Schenk
- Anzeige -

Es ist eine höchst konzentrierte Stille im Klassenraum, trotz der Nachmittags-Doppelstunde. Die Jugendlichen sitzen in Kleingruppen zusammen. Die Schülerin, die sich um die Zeichnung der Menschen kümmern möchte, ist ausgerechnet heute nicht da. Aber auch so gibt es genug zu tun: Die Einen arbeiten an Hintergründen, die Anderen am Text. Oder hat noch jemand Kapazitäten, um die schuleigene Ausstellung vorzubereiten?

„Nein! Da ist zu viel Lücke, was mach ich jetzt?“ oder „Ich kann das mit dem Text nicht, ich weiß nicht, wie das geht!“: Die Lehrerinnen Jennifer Lange und Anne Hausmann-Balgheim helfen, wo ein Hinweis benötigt wird. Werfen mit dem Beamer inhaltlich vorgeplante Panels, also Einzelbildflächen, an die Wand – „So in etwa sieht das hinterher in der App aus“, erklärt Lange – und beantworten auch grundsätzliche Fragen. Die Jugendlichen hätten vor dem Projekt den zweiten Weltkrieg noch gar nicht im Unterricht behandelt, berichtet Hausmann-Balgheim. Darum seien zu Beginn des Schuljahres, noch vor der Recherche im Stadtarchiv, erst einmal die historischen Grundlagen dran gewesen. Dass ein praktisches Projekt die vielen abstrakten Zahlen und Geschehnisse anhand eines Beispiels greifbar macht, merkt man an den wirklich interessierten Rückfragen. „Was ist eigentlich Buchenwald?“, „Wie war das mit den Zügen?“ – im Subtext: „Ich kann mir das mit dem Deportieren gar nicht vorstellen!“ – oder „Wo waren Juden eigentlich sicher?“ sind nur ein paar der gelegentlichen Gesprächsfetzen, die durch die achte und neunte Stunde schweben.

- Anzeige -

Es ist das Fach „Verantwortung“, ein bisschen wie eine AG, das die Jugendlichen der neunten Klassen für dieses Projekt hat zusammenkommen lassen. Verantwortung, das heißt: Verantwortung für die Gesellschaft. Und diese übernehmen diese jungen Menschen offenbar mit vollem Bewusstsein. Ein bisschen stolz erzählen die Lehrerinnen davon, wie viel Durchhaltevermögen die Schülerinnen und Schüler hätten, sich seit Beginn des Schuljahres durchgehend mit dem Projekt beschäftigt und sich dafür beispielsweise immer wieder im Archiv durch altdeutsche Schrift gequält haben. Oder sich mit der Frage auseinandersetzten, wie man damit umgeht, wenn einfach keine Informationen, auch keine Geburtsurkunden, zu finden sind. Einige der Schülerinnen und Schüler seien auch bei der Stolpersteinverlegung und Projektvorstellung Günter Demnigs im Januar vor Ort gewesen. Im Laufe des Schuljahres hätten die Jugendlichen auch immer wieder neue Ideen entwickelt, wie sie mit der Familie, den Stolpersteinen und dem Thema an sich umgehen könnten. Diejenige, sich mit möglicherweise noch lebenden Augenzeugen zu unterhalten, sei aufgrund des Mittagsschlafes der Seniorinnen und Senioren leider nicht zustande gekommen. Dafür gab es aber rege Interviews auf dem Weihnachtsmarkt, etwa mit der Frage, ob jüdisches Leben in der Schulzeit der Passantinnen und Passanten eine Rolle gespielt hätte oder wie sie zur Villa Buth stünden. Insgesamt sei zu beobachten, dass sie voll bei der Sache seien. Und das, obwohl viele von ihnen nicht einmal Jülicher Wurzeln hätten.

Die Familie Lichtenstein wurde von den beiden Lehrerinnen ausgesucht, da sie einen Stolperstein mit örtlicher Nähe zur Schule thematisieren wollten. Einer, der den Schülerinnen und Schülern vielleicht auch auf dem Schul- oder Heimweg begegnet, damit sie eine Verbindung und Vorstellung von der Gegend haben. Ein Bild konnten sie sich auch beim Beschreiten des Rundgangs „Jüdisches Leben in Jülich“ machen. Viel Recherche für sechs Bilder. Oder auch: Vielleicht ein angemessener Umgang, wenn man der jungen Generation ein „Nie wieder“ und die Grauen des Zweiten Weltkriegs wirklich tiefgehend verständlich machen will.

Als Projekt hätte auch ein reiner Vortrag gereicht. Doch es wurde sich gezielt für eine weitergehende Bearbeitung entschieden. Das lag unter anderem daran, dass nicht allen die Präsentation liegt. Diese Umsetzung ist daher praktischerer Art. Dabei haben sich die Schülerinnen und Schüler gegen eine digitale und für eine analoge Gestaltungsart entschieden. Ohnehin liegt die Entscheidungsgewalt über die gesamte Gestaltung, wenn auch Tipps von den Lehrerinnen kommen, in der Hand der Jugendlichen. Und sie führen diese ganz gewissenhaft aus, stellen sich doch zwischenzeitlich Fragen wie der genaue Standort des Hauses oder die, ob auf der Vorlage die Vorder- oder Rückseite eines Gebäudes zu sehen ist. Zusätzlich zur Veröffentlichung der Kurzgeschichte in der Stolperstein-App des WDR soll eine kleine Ausstellung in den Schulgängen stattfinden. Darin soll konkret das Projekt vorgestellt, aber auch generell über den Zweiten Weltkrieg informiert werden.

Die Arbeit der Jugendlichen als eine Horizonterweiterung in vielen Bereichen zu beschreiben, ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen. Ein Jahr, in dem sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, Empathie zu lehren – und am Ende steht dann sogar der Text da, der am Anfang noch unmöglich zu schreiben schien.

Zwei Mal im Jahr treten die Schulen mit dem Rotary Club Jülich zusammen, um das gemeinsame Vorgehen zu besprechen. Dieser plant die Stolpersteinverlegung als Beauftragter an Günter Demnigs Stelle. Lange und Hausmann wünschen sich eine Verlegung und Veröffentlichung im Herbst. Bis dahin bleibt noch einiges zu schaffen.

Fotos: Judith Volkmer und Ariane Schenk


§ 1 Der Kommentar entspricht im Printprodukt dem Leserbrief. Erwartet wird, dass die Schreiber von Kommentaren diese mit ihren Klarnamen unterzeichnen.
§ 2 Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.
§ 3 Eine Veröffentlichung wird verweigert, wenn der Schreiber nicht zu identifizieren ist und sich aus der Veröffentlichung des Kommentares aus den §§< 824 BGB (Kreditgefährdung) und 186 StGB (üble Nachrede) ergibt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here