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Ich bin so frei

„Endlich frei!“ Tasche in die Ecke werfen – los geht es.

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Illustration: Daniel Grasmeier
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Ich weiß noch genau, wie das war, als ich keine Schulaufgaben mehr zu machen hatte, Klavier geübt hatte – darauf hielt meine Mutter immer ein gestrenges Auge, keine Pflichten in Haus und Hof zu erledigen waren, und ich einfach mit meinen Freunden auf dem Schlossplatz sitzen konnte. Getränke in der Hand, Gitarrenklänge im Ohr, auf dem Rücken liegen und den Vögeln beim Flug zusehen – das war Freiheit. Wahnsinn! Da bekommen sofort wieder Verstand und Gefühle Flügel.

Heute in der Balance zwischen Beruf und Familie, Ehrenamt und Haustieren, Gartenpflege und Frühjahrsputz ist diese Art von Freiheit ein unglaublich seltener „Vogel“ geworden. Das Kuriosum: Findet man ihn per Zufall, kann man ihn nicht einsperren, um ihn festzuhalten. Vielmehr gilt heute umso mehr, was ein Kollege neulich weise zu Papier brachte: „Freiheit beginnt im Kopf.“ Das kennt man, oder? Sobald ein Thema an die Oberfläche spült, begegnet es einem überall. So fragte mich jüngst mein ansonsten nicht so sehr philosophisch engagierter Sohn während einer Autofahrt: „Was ist für Dich Freiheit?“ Für ihn war die Antwort sofort klar und einfach: ausreichend Bares in der Tasche und Urlaub – der Inbegriff von Freiheit.

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Hier manifestiert sich der Unterschied des Freiheitsgedankens ganz deutlich und trennt zwei Lager: Jene, die frei sein wollen von etwas – und jene, die frei sein wollen für etwas. Sich jeder Verpflichtung zu entledigen, ist sicher ein gutes Gefühl. Sommer, Sonne, Wind um die Nase geht aber eben nur umständehalber. Die zweite Form der Freiheit ist durchaus alltagstauglich und macht nie Urlaub: Es ist großartig, sich frei entscheiden zu können, was man isst, weil man mit dem Einkommen nicht nur auskommen muss, sondern aussuchen kann, wie man den Kühlschrank füllt. Dasselbe lässt sich natürlich auch auf Kleidung übertragen. Überaus grandios ist es, wenn man frei wählen kann, was man beruflich tun möchte. Keinen Zwang zu spüren, nur für den Broterwerb tätig zu sein, sondern einer Berufung zu folgen, ist ein Geschenk. Erwähnte ich an anderer Stelle einmal, dass ich das bedingungslose Grundeinkommen in dieser Hinsicht für ein wirklich bedenkenswertes Modell halte? Apropos frei wählen: Was ein Privileg! Eines, das weithin unterschätzt wird. Nutzen können wir es wieder am 15. Mai, wenn die Landtagswahl ansteht. Alle können in unserem demokratischen System sogar wählen, nicht zu wählen… Auch wenn das nach persönlicher Ansicht der Autorin die schlechteste Wahl wäre.

In unseren Tagen ist „Freiheit“ ein viel genutztes und ebenso missbrauchtes Wort. Der erste Lockdown jährt sich zur Monatsmitte zum zweiten Mal und erfüllt einen schon mit einer gewissen Fassungslosigkeit: „Mach nie die Tür auf, lass keinen rein“, sang einmal die Erste Allgemeine Verunsicherung. Im Jahr zwei leben wir mit ungeahnten Inzidenzzahlen und können trotzdem Kneipe und Kino besuchen. „Inzidenz“– ein Wort, das vor zwei Jahren niemand im aktiven Wortschatz hatte, ebenso wie Hospitalisierungsrate. Plötzlich heißt es „vulnerabel“ statt schützenswert oder verletzlich und „Vakzin“ statt Impfstoff. Alles Gewohnheit. Seit zwei Jahren fühlen sich aber viele Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt. Die zeitweilige Begrenztheit auf die eigenen vier Wände, die Pflicht, eine Wahl treffen zu müssen, wer die liebsten Menschen sind, mit denen man die Zeit verbringen möchte, der Verzicht auf Urlaub – all das wurde als Freiheitsbeschränkung empfunden. Es ist so fatal, wenn wir als Gesellschaft beginnen, „Pflichten“ als Einschränkungen persönlicher Freiheit zu sehen. Wer einem Staat angehört, unterliegt Bürgerpflichten, und wenn es nur jene ist, Steuern zu zahlen. Kommt man ihnen nicht nach, sind Strafen die Folge. In Zeiten, in denen Wörter gerne euphemistisch aufgehübscht werden, würde sicher lieber die Freiwilligkeit – etwa des Steuernzahlens – betont. An der Tatsache ändert sich nichts, dass die „Pflichten“ der Allgemeinheit dienen, sich das Individuum der Gesellschaft, in der es lebt, „gemein macht“, sich ihr zugehörig fühlt. Um im Beispiel zu bleiben: Es muss mir nicht gefallen, Steuern zu zahlen, aber nur auf diese Art und Weise ist es möglich, Straßen, Schulen und Gebäude instand zu halten oder neu zu bauen und eine Grundversorgung für Kinder, Kranke und Alte zu gewährleisten. Das nennt sich gemeinhin „Solidargemeinschaft“. Die Form der Freiheit besteht darin, dass der Wähler entscheiden kann, welche (im besten Falle) demokratische Partei am Ruder ist und die Weichen stellt.

Gehört man übrigens keinem Staat an, dann ist man „vogelfrei“ – oder war es wenigstens. Etwas, das in unseren Breiten unvorstellbar ist. Wer „vogelfrei“ ist, hat seine Rechte verwirkt – ist aber natürlich auch seiner Pflichten entledigt. Eines der prominentesten Beispiele ist vielleicht Martin Luther. An diesem Wort lässt sich aber auch wunderbar sehen, wie Bedeutungsverschiebungen sich verselbständigen: vogelfrei – frei wie ein Vogel! Das ist grundsätzlich etwas Wünschenswertes. Wie daraus der Begriff für Ächtung und Rechtlosigkeit wurde, ist vielleicht eine Frage für die „Maus“. Im umgekehrten Fall verhält es sich mit den „Querdenkern“. Sie waren Garant dafür, dass etwas „ohne Denkverbote“ von einer überraschend anderen Seite betrachtet wurde. Heute assoziiert die Gesellschaft mit „Querdenkern“ die in Stuttgart gegründete Initiative der Proteste gegen Schutzmaßnahmen zur COVID-19-Pandemie in Deutschland. Diesen aber geht es nicht darum, „quer zu denken“, sondern sie berufen sich überwiegend auf Informationen, die von Experten als falsch oder zu stark vereinfachend eingestuft werden – bei gleichzeitiger Leugnung des von der Gesellschaft zuerkannten Expertenstatus für Wissenschaftler und Ärzte. Was ein Glück, dass die demokratischen Strukturen dieser Minderheit zugesteht, dass sie die Freiheit haben, Fakten „falsch“ zu nennen, Glaubwürdigkeiten in Frage zu stellen, und zu sagen, was ihnen durchs Hirn und manchmal sicher auch Herz geht.

Apropos Herz:
Vor vielen vielen Jahren, an die die Erinnerung mich aber noch nicht verlassen hat, fragte mich mein damaliger Freund: „Wenn Du ein Vogel sein würdest – welcher wärst Du gerne?“ Ganz klar: eine Schwalbe. Das passt in der Größe – oder „Kleine“ – und in der Energie, die sie haben. Sie sind immer in Bewegung, fressen sogar im Fliegen. Sie stehen für Freiheit, aber auch Heimatverbundenheit, weil sie nie weit aufs offene Meer fliegen. Und sie bleiben ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Aus der Antwort entstand ein Liebeslied, und der fragende Freund ist seit über 30 Jahren an meiner Seite. Auch das ist ein Stück Freiheit.


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