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Sensibel werden für die Unterschiede

Der Tag der Muttersprache wird seit dem Jahr 2000 am 21. Februar begangen. Ein guter Anlass, um sich mit dem Jülicher Claus Maas, Regionalleiter beim Verein Deutsche Sprache, über Sprachgefühl und Sprachgebrauch mit und ohne Corona auszutauschen.

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Foto: feedback / pixabay
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Ist Sprachgefühl angeboren oder wird es erlernt?

Claus Maas: Sprachgefühl ist nicht angeboren, sondern muss vermittelt werden. Für sprachliche Unterschiede muss man sensibilisiert werden und das möglichst von „klein auf“. Es gibt Talent, es gibt Begabung – inwieweit die genetisch oder biologisch bedingt ist, darüber streiten sich die Gelehrten ja, aber eins ist klar: Je früher man damit anfängt, Sprache als etwas zu der Natur des Menschen Gehörendes zu vermitteln und Zugänge zu eröffnen, desto besser gelingt es, etwa beim Kleinkind durch Vorlesen, durch behutsames Verbessern auf die Gestaltung von Sprache Einfluss zu nehmen. Man muss auch zwischen der Schriftsprache und dem gesprochenen Wort unterscheiden. Die gesprochene Sprache erfüllt einen völlig anderen Zweck als die geschriebene Sprache. Das Schreiben ist sozusagen das Endprodukt eines Prozesses: Beobachten, Wahrnehmen, Umsetzen in Gedanken, Abwägen – das sind lauter einzelne Schritte, die zum Vorbereiten des Schreibens gehören und die den Sprachgebrauch beeinflussen, also den bewussten Sprachgebrauch.

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Ein Beispiel: „Käwinn, mach dat Mäh mal ei.“ Das hat auch etwas mit Sprachgefühl zu tun: Wir fühlen, dass „man“ so nicht spricht. Sprache dient in dem Fall auch zur Identifikation von Menschengruppen – wobei Gruppe hier vielleicht kein gutes Wort ist.

Claus Maas (lacht): Ja, das ist schon schwierig, es gehört auch eine Menge Sprachgefühl dazu, dass man in dem Moment des Sprechens wahrnimmt: Ich nehme womöglich eine soziale Ausgrenzung vor, wenn ich von ,Gruppen’ spreche, die ich aber eigentlich gar nicht vornehmen will. Vielleicht meine ich auch, dass ich sie besser nicht vornehmen sollte, auch wenn ich sie im Kopf habe. Das hat dann etwas mit der sogenannten korrekten Sprache zu tun. In manchen Situationen kann uns das Gefühl für korrekte Sprache sogar im Weg stehen, wenn wir eigentlich beabsichtigen, die Dinge so zu benennen, wie wir sie wahrnehmen.

Wahrnehmung ist aber sehr subjektiv.

Claus Maas: Das stimmt vollkommen. Die Frage ist aber doch: Was ist der Maßstab meines Sprechens? Muss ich im Hinblick darauf, dass jemand sich vielleicht durch meinen Sprachgebrauch verletzt, benachteiligt oder diskriminiert fühlen könnte, meinen Sprachgebrauch dem anpassen, was möglicherweise, hypothetisch und auch statistisch gesehen höchst selten jemand anders empfinden könnte, als ich es meine?

Sie gebrauchen viele Konjunktive, um diese Situation zu beschreiben.

Claus Maas: Wir brauchen das Sprachgefühl und die Sprachsensibilität. Ich muss mir klar darüber sein, wenn ich bestimmte Wörter benutze, dass sie möglicherweise im Kontext missverstanden werden können. Ich muss mich darauf einstellen, – und damit kommen dann die Leistung der Sprache und die Anleitung zur Sprache ins Spiel – die Konfliktstellen zu erkennen und mit ihnen bewusst umzugehen. Wenn ich jemanden als ,Schwarzen’ bezeichne, was heute oft als abqualifizierend dargestellt wird, kann es sein, dass sich dadurch jemand diskriminiert fühlt. Es kann aber ebensogut sein, dass er sagt: „Ich bin schwarz, Du bist weiß – wo ist das Problem?“

Das heißt im Klartext: Die Wahrnehmung von Sprache verändert sich – gesellschaftlich sowie bei dem Adressaten und auch zeitgeschichtlich gesehen. Unsere Sprache ist von jeher – man denke nur an die Fisimatenten – Einflüssen ausgesetzt, und Vokabeln haben in unserem Sprachgebrauch Aufnahme gefunden. Wie kann man die Balance zwischen der Bewahrung der Sprache und deren Veränderung oder Öffnung hin auf die Lebendigkeit bewahren?

Claus Maas: Sprachwandel ist einerseits etwas, was in natürlicher Weise durch den Gebrauch in einer Sprachgemeinschaft passiert. Aber in den 1990er Jahren begann es, dass der Gebrauch von Anglizismen überhandnahm. In dieser Zeit wurde der Verein Deutsche Sprache gegründet, weil viele das Empfinden hatten, dass das Deutsche in bestimmten Bereichen unserer Kultur benachteiligt und verdrängt wird. In internationalen Bereichen, in Wirtschaftsprozessen, aber auch in der Wissenschaft wurde zunehmend verlangt, dass man Vorträge, Aufsätze oder Arbeiten auf Englisch einreicht, und gleichzeitig verstärkte sich nicht zuletzt auch dadurch der Gebrauch von Anglizismen. Das ist ein herbeigeführter und kein natürlicher Sprachwandel. (Heute geschieht ähnliches mit der sogenannten gendergerechten Sprache. Studentinnen und Studenten und vielen Berufstätigen wird eine künstliche Sprache regelrecht aufgezwungen.)

Dass die Wissenschafts- und Wirtschaftssprache Englisch ist, ist unstrittig. Aber dieses Phänomen taucht ja nicht zum ersten Mal auf. Es gab Zeiten, da war Französisch das Maß aller Dinge, und Zeiten, da wurde Latein unter den Gelehrten gesprochen. Das hat es doch immer gegeben.

Claus Maas: Stimmt. Aber das ist kein Grund, heute für richtig zu erachten, was damals schon falsch war. Der Versuch der gehobenen Gesellschaft, sich durch das Französische vom vulgären Volk abzusetzen, verstärkte das Gefühl in der Sprachgemeinschaft, dass „die da oben“ mit denen im Normalleben nichts zu tun haben wollten. Das gleiche gilt für das Lateinische. Im Mittelalter war es die Sprache der Gelehrten, die unter anderem dazu benutzt wurde, um das Volk dumm zu halten. Das ist nicht nur nicht demokratisch, es ist diskriminierend gegenüber denen, die sprachlich nicht eingebunden sind. Es bedeutet im wissenschaftlichen Bereich auch eine enorme Benachteiligung, wenn man sich nicht in seiner Muttersprache artikulieren kann.

Aber das war doch schon immer so, dass es einen Unterschied zwischen dem Sprachgebrauch im Alltag und situationsgebundener Sprache gibt. Diese Parallelwelten gibt es ja ohnehin.

Claus Maas: Man muss unterscheiden zwischen der Alltagssprache und einer gewissen Bildungssprache. Das ist ein wichtiger Aspekt, der verloren gegangen ist. Das Deutsche ist zwar die Sprache Goethes und Schillers, aber es ist nicht die Sprache, die durch Goethe und Schiller geprägt ist, sondern allenfalls die Sprache, die Goethe und Schiller benutzt haben. Generationen von Schülerinnen und Schülern wird falsch vermittelt: Das ist alte Sprache. Das ist völliger Quatsch. Literarische Sprache ist nicht alte Sprache, sondern Kunstsprache. Da wird Sprache als etwas ästhetisch zu Gestaltendes behandelt. Kein Mensch hat so gesprochen wie Goethe und Schiller, es sei denn, er hätte sich hervortun wollen. Das gab es natürlich auch. Heute tut man sich mit Anglizismen und zwar oft mit unsinnigen hervor.

Sprache ist demnach auch ein Spiegel gesellschaftlichen Verhaltens.

Claus Maas: Ein Beispiel. Oft höre ich: „Das und jenes hat nicht ‚geklappt‘.“ Da stör‘ ich mich furchtbar dran. Ich kann damit ausdrücken: Es hat etwas nicht funktioniert. Das ist nicht so gelaufen, wie es hätte können. Viel wichtiger ist aber zu sagen: Es ist mir etwas nicht gelungen. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel. Das heißt: Ich habe etwas versucht, und es lag auch eigentlich in meiner Hand, es zu schaffen, aber meine Kraft oder meine Fähigkeit hat nicht gereicht, oder ich habe nicht genügend Unterstützung dafür gewonnen. Aber „Es hat nicht geklappt“ klingt danach, als bestimme irgendein Zufall oder jemand anders, was ich mir vorgenommen habe. Das ist ein Trend in unserer Sprache – auch diese Entpersonalisierung, dass man quasi die Verantwortung und auch die Kompetenz des Einzelnen aus der Sprachbetrachtung zunehmend nach hinten drängt.

Beobachten Sie eine Sprachveränderung im Zuge der Pandemie?

Claus Maas: Seit Beginn dieser Pandemie beispielsweise gab es eine Flut von Begriffen, die neu in der Sprache verankert worden sind. Lockdown oder Shutdown sind Begriffe, die inzwischen so gängig sind, dass sie jeder verstehen kann, die man aber gar nicht so ohne weiteres gut im Deutschen wiedergeben kann. Aber die Sprache spiegelt auch Spaltung: Begriffe wie „Solidarität“, „Schutz der Schwachen“ auf der einen Seite und „Egoismus“ auf der anderen Seite werden einander gegenübergestellt. „Coronaleugner“ wird verallgemeinernd und pauschal für Menschen benutzt, die die Frage aufwerfen, ob wir mit der Pandemie richtig umgehen. Diese Wörter werden zu Kampfbegriffen, ohne dass sie als solche empfunden oder wahrgenommen werden. Die Auseinandersetzung versteckt sich hinter den Begriffen und wird nicht in der Sache geführt.

Wörter oder Vokabeln verhindern eine notwendige Diskussionskultur, weil mit Wörtern der tiefere Sinn verdeckt wird, der hinter dem Begriff stecken sollte – verstehe ich das richtig?

Claus Maas: Richtig. Das war zwar nicht das, was ich im Moment meinte, stimmt aber auch. Oft werden Begriffe positiv in eine Diskussion eingeführt, und damit verschwindet die Diskussion, die eigentlich geführt werden muss. Das gilt auch für andere Begriffe wie „klimaneutral“ statt „klimaschonend“. „Klimaneutral“ ist ein Euphemismus. Es gibt keine Klimaneutralität. Solange Menschen auf der Erde leben, sich vermehren und ernähren, ist es unmöglich, die Menschheit klimaneutral agieren zu lassen – es sei denn, man reduziert sie wieder um 70 bis 80 Prozent, was unser Virus gerade versucht. Das Gleiche betrifft den Begriff „geschlechtergerecht“ statt „geschlechtersensibel“. Damit wird unterstellt, Sprache könnte Gerechtigkeit schaffen oder sie ersetzen. Das ist aber ein Riesenirrtum.

ZUR PERSON
Claus Maas ist Regionalleiter des Vereins Deutscher Sprache. Bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren war er Deutschlehrer an unterschiedlichen Schulformen in Bergheim, Grevenbroich und Hückelhoven. Heute gibt Claus Maas unter anderem Kurse an der Volkshochschule Jülicher Land, die sich vielfach mit Sprache und Sprachwandel beschäftigten. Der fünfte Teil von „Fack ju deutsch“, so Claus Maas, komme spätestens im nächsten Semester nach dem Sommer.


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