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Vom Mikrokosmos Eifel und unerwarteter Aktualität

Heimspiel für Lioba Werrelmann „Ach ist das schön!“ rief sie eins ums andere Mal den Gästen zu, die sie in weiten Teilen mit Handschlag oder Umarmung begrüßte. Die gebürtige Jülicherin und Wahl-Kölnerin feierte reichlich Wiedersehen mit Altbekannten und ihre Premierenlesung "Sturmmädchen".

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Lioba Werrelmann liest in Jülich. Foto: Dorothée Schenk
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Zweimal bleibt der Szenenapplaus aus. Nicht, weil das Publikum in der Stadtbücherei Jülich Lioba Werrelmann bei ihrer Lesung das „Brot des Künstlers“ aus Mangel an Qualität der Worte verweigert. Das Gegenteil ist der Fall. Ein stummes und doch hörbares Zeichen, dass es der gebürtigen Jülicher Autorin gelingt, Unfassbares in Sätze zu fassen und Geschichte bedrückend lebendig werden zu lassen. Schweigen. Fassungslose Stille herrscht, wenn Nazi-Schergen Menschen jüdischen Glaubens menschenverachtend behandeln, wenn Angst und Misstrauen in einer Gruppe von Frauen regieren und der Mut fehlt, aufzubegehren, nach Worten wie: „Geschieht dem Judenpack ganz recht. Jetzt bekommen sie endlich mal den deutschen Volkszorn zu spüren“, oder die „etwas wunderliche“ Terese nach einer Untersuchung bei der Gemeindeschwester noch vor dem Morgengrauen den Eltern entrissen wird, und kein Nachbar einschreitet.

Von unerwarteter Aktualität ist jetzt, da bundesweit millionenfacher Protest gegen Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus auf der Straße sichtbar ist, das Buch „Sturmmädchen“. Es ist im Januar erschienen. Nach „Trümmermädchen“ und „Findelmädchen“ trifft die Leserschaft im neuen Werk von Lioba Werrelmann auf drei Freundinnen, die die Zeit von 1933 bis 1940 durchleben und durchleiden. Verortet im Mikrokosmos Eifel steht im Mittelpunkt die Frage: Wie kann es in einer Zeit menschlicher Verrohung, Bedrohung und Not gelingen, Freundschaft zu bewahren und ein anständiges Leben zu führen? Schon im Prolog öffnet sich die ganze Palette der Gefühls- und Problemwelt, wenn das Mädchen-Trio in der ganzen Unterschiedlichkeit seiner Temperamente und Gefühlswelt vorgestellt wird. Hier sind bereits die Konflikte angelegt, die zu den entscheidenden Krisen im Leben der jungen Frauen und damit der Geschichte führen.

Rund 100 Augen- und Ohrenpaare folgten Lioba Werrelmann bei ihrer Lesung in der Jülicher Stadtbücherei. Foto: Dorothée Schenk
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„Als ich vor drei Jahren das Thema erdacht habe, wollte ich etwas über Judenhäuser schreiben. Dass es so aktuell ist, finde ich bedrückend“, sagt Lioba Werrelmann und erzählt von Gänsehaut-Momenten, wenn sie die Kommentare liest, die auf Online-Portalen unter dem Buchtitel hinterlassen werden. „Jeder zweite schreibt, dass es so gut in die Zeit passt.“ Durch Geschichten Geschichte fühlbar zu machen, gelingt Lioba Werrelmann in ihrem neuen Buch auf besondere Weise. Wert legt die Autorin, die als Journalistin ihre schreibende Tätigkeit begonnen hat, darauf, dass sie gründlich recherchiert. „Ich recherchiere immer bis ins letzte Detail, auch, wie viele Stufen der Lkw hat, der Margot und ihre Familie zum Judenhaus gebracht hat.“ Damit bekommen die Szenen eine große Wahrhaftigkeit. „Es ist erdacht, aber es hätte genau so sein können“, so die Schriftstellerin. Sie hofft, dass über die Geschichte der drei Frauen die Leserschaft einen anderen Zugang zur Realität in der Nazizeit bekommt.

Wie verarbeitet man das Geschriebene selbst, das ja schon die Zuhörenden an diesem Abend verstummen und schweigen lässt? „Ich habe mich auch als Journalistin immer mit diesen harten Themen beschäftigt. Ich habe Kinder interviewt, die in Abschiebehaft saßen und vorher unfassbare Gewalt erlebt haben. Das sind einfach meine Themen. Ich muss diese Themen machen – also mache ich sie“, lautet die deutliche Antwort.

Birgit Kasberg, Leiterin der Stadtbücherei, bedankt sich mit Jülicher Souvenirs bei Lioba Werrelmann und dankte für die Entscheidung die Premiere der Lesereise in ihrer Geburtsstadt zu feiern. Foto: Dorothée Schenk

Begeisterung entwickelte die Zuhörerschaft für die „Lesestimme“ von Lioba Werrelmann. Gleich mehrere kamen auf sie zu mit der Frage, ob sie nicht selbst ihre Werke als Hörbücher einlesen könne. Dem Ansinnen erteilte der Agent eine Absage. Nein, insistieren sei da gar nicht hilfreich. Es gäbe Verträge. Achselzucken bei der Autorin, Bedauern bei den Gästen – sie müssen dann die Chancen nutzen, wenn die gebürtige Jülicherin wieder in der Stadtbücherei aus einem neuen Werk vorträgt.

Apropos neues Werk: Vor dem Buch ist nach dem Buch. Auch wenn die „Mädchenreihe“ mit dem jüngsten Werk abgeschlossen ist, wie Lioba Werrelmann auf Nachfrage sagte, ist sie natürlich schon wieder literarisch beschäftigt. Und zwar schreibt sie das nächste Buch wieder unter ihrem Klarnamen. Wer Freundschaft geschlossen hat mit Investigativjournalist Schwartzmüller, der darf sich jetzt schon auf den zweiten Siebenbürgen-Krimi freuen. Nach Plan wird er im November diesen Jahres erscheinen. Was Werrelmann als „Lilly Bernstein“ Neues erdacht hat, weiß bislang nur der Verlag, sagt sie, lächelt und schweigt.

Foto: Verlag

BUCHINFORMATION
Lilly Bernstein: Sturmmädchen | Ullstein Paperback |416 Seiten | ISBN 9783864932328
| 16,99 Euro


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