Start Stadtteile Jülich Entscheidung zur Rathaus-Sanierung weiter offen

Entscheidung zur Rathaus-Sanierung weiter offen

Dass Handlungsbedarf besteht, darin sind sich alle Fraktionen einig: Das Neue Rathaus ist als Verwaltungsbau und Arbeitsplatz kaum tragbar. Der Tagesordnungspunkt „Rathauszwischenlösung“ stand im Ausschuss für Kultur, Dorf- und Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung zur Diskussion an. Eine Diskussion, da waren sich Harald Garding (SPD) und Marco Johnen (CDU) einig, die längst überfällig gewesen sei.

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Blick auf den Rathaussaal von der Großen Rurstraße aus. Foto: Dorothee Schenk
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In drastischer Form schilderte Dezernent Richard Schumacher als Personalverantwortlicher der Jülicher Stadtverwaltung die Bedingungen, unter denen die Mitarbeiterschaft im vergangenen Winter an der Großen Rurstraße ihren Dienst versehen musste: Die Heizung fiel aus, Wasser stand im Gebäude, die EDV sei in Mitleidenschaft gezogen worden, der Verteilerkasten habe „gebrutzelt“, Starkstromleitungen hätten verlegt werden müssen, Sicherungen flogen raus. Um einige Büros zu beheizen, seien Radiatoren aufgestellt worden. Während der Bürgermeister in einem 10 Grad kalten Büro gearbeitet habe, hätte man die Angestellten heimgeschickt. „Der Dienstbetrieb kann nicht mehr sichergestellt werden“, stellte er klar. „Wir brauchen dringend eine schnelle Lösung.“ Letztlich, so unterstrich Schumacher, würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Mandatsträgern im Rat zuarbeiten, damit diese ihre Arbeit tun könnten.

Als Ausschussvorsitzender kritisierte Karl-Philipp Gawel den „Druck“, den die Verwaltung aufbauen würde. „Warum drängen Sie die Mitglieder des Rates auf die letzte Minute?“, hinterfragte er. Wären sie rechtzeitig informiert worden, hätte man beraten und abwägen können. Diese Haltung unterstützte Christine Klein (Bündnis 90/Grüne). „Ich weiß nicht, wie viele Raumbücher ich vor Jahren schon vorgestellt habe“, hielt Richard Schumacher dagegen. „Der Druck ist größer geworden, weil die Probleme größer werden. Dass wir uns mit Aussagen zurückgehalten haben, liegt am Vergaberecht.“

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Die Fakten stellen sich laut Verwaltungsvorlage folgendermaßen dar: Das Rathaus muss saniert werden. Die veranschlagten Kosten liegen derzeit bei rund 42 Millionen Euro. Martin Schulz als technischer Beigeordneter erläuterte, dass der Mitarbeiterstamm nicht während der Baumaßnahme im Gebäude oder Teilen des Gebäudes bleiben könne. „Das Gebäude lässt sich nicht abschnittsweise sanieren, weil sich die Leitungen nicht einfach kappen lassen.“ Ein weiterer Aspekt ist die Asbestbelastung. „Wir müssen alles auf den Rohbauzustand zurückführen“, erläuterte er. „Ich bin überzeugt, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als hier auszuziehen“, unterstrich er. Diskutieren könne man darüber, ob „das Rathaus“ während der Sanierungsphase einen Bestandsbau ziehen solle, in gestapelte Container oder einen Neubau.

Die Fassade mit der Arkadenreihe steht unter Denkmalschutz. Foto: Archiv | UWG JÜL

Vorgeschlagen worden waren von Wolfgang Hommel (Stadtmarketing e.V.) Container-Stellflächen auf dem alten Kurtz-Gelände an der Ellbachstraße, der Sportplatz Am Aachener Tor oder das verwaiste Studienseminar in der Kurfürstenstraße. Alternativ brachte Sebastian Steininger (Bündnis 90/Grüne) den Standort auf dem Sparkassen-Gelände Bahnhofstraße, an dem derzeit das Schwanquartier von der Dorint-Gruppe als Planung vorliegt, oder einen gemeinsamen Standort mit Stadtwerken und Feuerwehr zur Sprache. Am Stadteingang West, sprich Ortsausgang Richtung Stetternich, steht schon fest, dass die Benannten ihren neuen Standort erhalten.

Auch Ausschussvorsitzender Karl-Philipp Gawel hatte sich für eine Container-Lösung ausgesprochen, schließlich hätte die Sparkasse vorgemacht, wie eine solche Interims-Lösung aussehen könne. Bürgermeister Axel Fuchs hielt dagegen, dass zur Zeit, als der Umbau der Sparkasse erfolgte, der Container-Markt ein anderer gewesen sei: „Der Preis ist durch die Decke gegangen – aus Gründen, die wir alle kennen.“ Auf die Frage und Aussage von Gawel: „Wie kann die Verwaltung wissen, dass deren Lösung ein Gewinn ist? Eine Interimslösung in einem hübschen, neuen Gebäude – das stört mich.“ bezog Dezernent Schumacher Stellung: Die Zahl der Beschäftigten der Sparkasse und der Verwaltung unterschieden sich erheblich. Und hörbar verärgert stellte er klar: „Wir bauen uns keinen Elfenbeinturm und keine goldenen Wasserhähne, sondern funktionale Büroräumen. Ein Gebäude, das innen komplett flexibel ist.“

Der Vorschlag in der Verwaltungsvorlage lautet: In ein Bürogebäude einzuziehen, das in 18 Monaten auf dem Gelände des Brainergy Parks gebaut sein soll. Abschreibung und Miete gegeneinander aufgewogen, empfiehlt die Vorlage einen Kauf, der mit 20 Millionen Euro veranschlagt wird. „Es ist unsere Überzeugung, dass der Neubau das Günstigste ist und wir hinterher eine vernünftige Nachnutzung haben. Alles andere wäre herausgeworfenes Geld“, formulierte Martin Schulz abschließend.

Hierüber herrschte bei den Fraktionsvertretungen keine Einigkeit. „Die Verwaltung muss bei mir noch Überzeugungsarbeit leisten“, sagte Marco Johnen (CDU). Er gab seiner Sorge Ausdruck, dass sich die Verwaltung auf der Merscher Höhe so wohlfühlen könnte, dass sie auf die Rückkehr an den jetzigen Standort verzichten würde – oder weil der Stadt das Geld ausgehen würde, um Neubau und Sanierung stemmen zu können. Ein Aspekt, der auch Harald Garding (SPD) beschäftigte: „Jeder Privatmann überlegt, ob er das Geld in einen Bestandsbau stecken soll. Die Frage ist doch: Wie sehr hängt unser Herz an unserem Rathaus? Irgendwann muss man sich überlegen, wo die Schmerzgrenze ist.“ Garding plädierte dafür, sich keine Denkgebote aufzuerlegen – auch wenn er sich dafür aussprach, einen Abriss zu vermeiden. „Was ich auf keinen Fall möchte ist eine Ruine – an so einem prominenten Ort“, sagte Johnen. Sein Vorschlag im Klartext lautet: Die Verwaltung arbeitet weiter im Bestandsbau während der Sanierungsarbeiten. Das Gesundheitsamt könne abgerissen werden, die dortigen Beschäftigten zögen so lange um, ein Neubau werde errichtet, „gerne auch ein bis zwei Etagen mehr“, dann Einzug und Sanierung des Restbaus. Für den Denkmalschutz

Das Foyer in der ehemaligen Kreisverwaltung und dem heutigen Neuen Rathaus gilt als denkmalwürdig. Foto: Dorothee Schenk

reiche es vermutlich Fassade und Foyer zu erhalten. Deutlicher sprach es Pierre Weber (UWG JÜL) aus, der – abgekürzt – fordert: Denkmalschutz aufheben, abreißen, neu bauen.

Sehr pragmatisch gab der fraktionslose Wolfgang Steufmehl seine Haltung bekannt. Er folgte dem Verwaltungsvorschlag: „Er ist praktikabel, geht schnell und ist kaufmännisch sinnvoll.“ Die Diskussion um das Bestandsgebäude könne später folgen. „Hier läuft uns die Zeit weg.“

Mit großem Unverständnis reagierte Bürgermeister Axel Fuchs auf die Annahme, die Verwaltung könne im Brainergy Park bleiben, weil sie sich dort in einem neuen Gebäude viel wohler fühlen und bessere Arbeitsbedingungen vorfinden könne: „Sie als Rat entscheiden doch, dass wir wieder zurückziehen, ob in fünf oder sieben Jahren“ und stellte hörbar verärgert mit zweifacher Wiederholung klar: „Ich muss nochmal und hoffentlich letztmalig hinweisen: Das Gebäude im Brainergy Park wird kein Rathaus!“

Baudezernent Martin Schulz hatte erläutert, dass ein Rathaus-Neubau an anderer Stelle mit allen Planungsverfahren mindestens vier Jahre benötigen würde. Auch das spreche für eine Zwischenlösung. Zweifel, ob die 42 Millionen Euro die reellen Kosten abbilden würden, brachte Sebastian Steininger (Bündnis 90/Grüne) zur Sprache. Bis zu 20 Millionen Euro mehr, schätzt er, könnten die Baukosten liegen. Den Finger in die Wunde legte Steininger, als er auf Nachfrage bei Richard Schumacher die Bestätigung erhielt: Auf ein bis zwei Winter unter den aktuellen Bedingungen müssen sich die Beschäftigten im Rathaus einstellen. Denn 18 Monate Bauzeit für den „Zwischenbau“ stehen im Raum. Zur Überbrückung ist wohl Vorsorge getroffen, etwa der Ankauf von Unterverteilungen, wie Schumacher berichtete. Letztlich gilt hierfür aber, was in der Verwaltungsvorlage so formuliert ist: „Der Sanierungsbedarf des Rathauses ist seit Jahren unbestritten, aufgrund der hohen Kosten wurde das Thema jedoch immer wieder verschoben, da die auftretenden Probleme immer wieder durch massiven finanziellen und personellen Aufwand gemindert werden konnten. Dies hat bisher auch immer wieder ansatzweise funktioniert (Symptombekämpfung anstatt Ursachenbehebung).“

Die Ausschussmitglieder hatten lediglich den Sachstandsbericht zur Kenntnis zu nehmen. Eine Handlungs-Empfehlung an den Rat wurde nicht ausgesprochen.

Lesen Sie hierzu: Chronologie Rathaus-Sanierung

und 17 Jahre Sanierungs- und Entscheidungsstau


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