Wir wissen: Demokratie ist anstrengend. Sie erfordert ein hohes Maß an eigenem Einsatz. Wir in der Redaktion hören ganz oft: „Das habe ich ja gar nicht gewusst.“ „Das stand doch nirgendwo.“ „Dafür ist zu wenig Werbung gemacht worden.“ Wie sagte es eine engagierte Vertreterin der Jülicher Stadtverwaltung? „Wir können doch nicht an jeder Türe in Jülich klingeln und den Leuten die Informationen bis nach Hause tragen.“
So ist es.
Demokratie steht nicht in der Komfortzone. Sie ist kein weicher Sessel, der vor 77 Jahren in Deutschland in den Wohnzimmern aufgestellt wurde und von dem aus wir die Demokratie wie die Abend-Soap mit Knabberzeug und Kaltgetränk konsumieren können. Demokratie ist kein Zuschauerevent und – ganz wichtig: Demokratie hat keine Bringschuld.
Demokratie erfordert, dass sich jeder und jede Einzelne persönlich durch die öffentlich zugänglichen Möglichkeiten informiert. Und das erfordert natürlich und ist für mich selbstverständlich, dass diese Informationen auch verständlich und transparent bereitgestellt werden müssen.
Das gilt für die Welt- und Bundespolitik wie auch vor Ort in Jülich.
Wer sich eine Meinung bilden will und nicht nur eine Meinung haben will, der kommt nicht daran vorbei, sich selbst zu bewegen.
Informieren können sich hier vor Ort Menschen über das öffentlich zugängliche Ratsinformationssystem mit allen Sitzungsterminen, Tagesordnungen und Sitzungsvorlagen. Wem das zu anstrengend ist, der kann es auch im HERZOG online unter www.herzog-magazin.de nachlesen. Da kündigen wir nämlich jede Sitzung an und verlinken auf die Tagesordnung. Jede(r) kann an öffentlichen Sitzungen teilnehmen und die Debatten und die Vorträge zu den einzelnen Tagesordnungspunkten verfolgen. Da mir klar ist, dass das nicht immer möglich ist, empfiehlt es sich, die Berichterstattung der örtlichen Presseorgane zu Rate zu ziehen.
Aber Achtung: Das sind natürlich gefilterte Nachrichten!
Das Ziel des seriösen Journalismus ist es, möglichst informativ und sachlich Themen darzustellen und natürlich demokratische Missstände aufzunehmen und zu kommentieren. Machen wir uns aber nichts vor: Auch hier sitzen am Ende der Tastatur und vor dem Bildschirm immer Menschen mit eigener Haltung und Prägung. Darum gilt: Wer sich eine Meinung bilden möchte, der ziehe nicht nur eine Quelle zu Rate.
Wer nicht nur dabei, sondern mittendrin sein möchte, kann sich beteiligen.
Jülich bietet hierzu eine Vielfalt an Möglichkeiten: durch die Einwohnerfragestunde, die der Stadtrat beschließen muss. Fragen zu Angelegenheiten der Stadt können an den Bürgermeister gerichtet werden. Das war zuletzt in Jülich am 23. April so. Dann kann man per Bürgerantrag konkrete Anliegen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Besonders häufig ist eine Beteiligung möglich bei Bauprojekten; ganz einfach deshalb, weil das gesetzlich vorgeschrieben ist. Hier können Stellungnahmen abgegeben und Einwände formuliert werden.
Die Stadt nutzt das Beteiligungsportal NRW (beteiligung.nrw.de/portal/juelich/startseite).
Wer Worten auch Taten folgen lassen möchte, kann einer Partei beitreten. Ich meine hier vor allem die Parteien, die sich dem Grundgesetz verpflichtet fühlen. Er kann sich auch Vereinen und Initiativen anschließen – in der Stadt wie den Dörfern. Diese Gruppen bringen Themen in die politische Diskussion ein und beeinflussen Entscheidungen.
So wird Demokratie vor Ort gelebt.
Demokratie ist allerdings kein „Verein“, dem man beitritt.
Es ist eine Frage der Haltung und Überzeugung.
Wie bildet sich eine Haltung? Zuerst durch Informationen – und zwar nicht durch einseitige.
Die vielzitierte „Blase“ – die Gruppierung der Gleichgesinnten – wird im Internet professionell durch den Algorithmus bestimmt. Bekanntermaßen „lernen“ die Oberflächen, welche Themen vom Nutzenden besonders geklickt werden. Diese Themen werden verstärkt und unaufgefordert gezeigt. Das heißt im Klartext: Eine „Blase“ und der Algorithmus sind einer Meinungsbildung nicht förderlich – sie bestärken vor allem die eigene Meinung.
Weder Social Media noch eine KI sind mit der 12-bändigen Brockhaus-Ausgabe oder einem anderen Lexikon vergleichbar. KI ist – um es mit der Vorsitzenden des Forschungszentrums Jülich zu sagen – ein Werkzeug, das man beherrschen muss, oder wie ein Mitarbeiter, der auch nur dann gute und richtige Ergebnisse liefern kann, wenn er klar formulierte Aufträge hat. KI baut auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Wahrheiten. Social Media und KI sind auch keine Suchmaschine.
Was ich damit sagen möchte: Es sind immer Skepsis, Zweifel und mindestens Zweit- und Drittquellen erforderlich, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Und mit Zweit- oder Drittquellen sind nicht diejenigen gemeint, die der Algorithmus uns vorschlägt.
Nichts ersetzt die Eigenverantwortung.
Wenn ich mir jetzt eine Meinung gebildet habe, was ist als Nächstes vonnöten? Der Austausch und die Begegnung und sicher keine Plattform, die ermöglicht, anonym Unmut, Hass und Hetze Ausdruck zu geben.
Demokratie braucht den Meinungsaustausch, nicht den Schlagabtausch.
Dafür ist die Presse als vierte Macht im Staate von Bedeutung und wichtiger Bestandteil unserer Demokratie. Sie liefert Informationen und Hintergrundberichterstattung. Die Einordnung gesellschaftlicher und politischer Ereignisse sind die wichtigsten Aufgaben. Er gibt auch Minderheiten eine Plattform und ermöglicht öffentliche Debatten.
Bedauerlicherweise liegt bei den modernen Medien oft ein falsch verstandenes Selbstverständnis vor: Die Aufgabe des Journalismus im Allgemeinen und natürlich auch im Lokaljournalismus im Besondern soll nicht sein, für die Leserschaft, für Menschen zu entscheiden, ihnen eine Meinung „zu bilden“, sondern eine Entscheidungsfindung zu ermöglichen.
Dabei ist eine klare Sprache wichtig. Und die Haltung ist von entscheidender Bedeutung: Öffentliche Debatte werden mit Respekt und auf Sachebene geführt – basierend auf Fakten, nicht auf Gefühlen und auch nicht auf einer KI.
Und ja: Die Redaktion (nicht nur unsere, sondern jede) entscheidet – immer nach ihrer Haltung. Die HERZögliche ist die der unbedingten Selbstverpflichtung zur Demokratie und Treue zu unserem Grundgesetz, das unsere Rechte trägt.
Wenn viele Dinge für die Medienwelt allgemein gelten, ist der Lokaljournalismus noch mal anders als regionaler oder überregionaler Journalismus: Der Lokalredakteur wohnt in der Stadt, ist hier in Vereinen und Organisationen verortet, geht auf Veranstaltungen und in Kneipen und pflegt Freundschaften. Es geht da nicht um Amigo-tum oder den bekannten Klüngel, sondern es geht um persönliche Kontakte, die über die Zeit entstehen und in unterschiedlicher Intensität gelebt werden. Hieraus wachsen Hintergrundgespräche, die eine bessere Einordnung von Sachverhalten ermöglichen.
Der Journalist schreibt nicht alles, was er weiß. Das wäre auch fatal, denn er trägt ein hohes Maß an Verantwortung. Vieles wissen „gut informierte Kreise“ schon früh, aber auf den Zeitpunkt kommt es an, wann die Öffentlichkeit davon erfährt. Die Frage muss doch sein: Sind Beiträge, die gemeinhin mit „öffentlichem Interesse“ etikettiert werden, nur der Eitelkeit des Wissenden geschuldet oder wirklich wichtig für die Öffentlichkeit zu wissen – und zwar jetzt und sofort? Oder reicht nicht vielleicht erst morgen? Wenn das Gremium über eine Förderung, eine Baumaßnahme oder Personalie entschieden hat.
Zur Demokratie gehört die Öffentlichkeit – die Journalisten haben aber nicht die Aufgabe, Entscheidungen durch frühzeitige Veröffentlichungen vorwegzunehmen oder sie zumindest zu beeinflussen. Sie dürfen sich nicht instrumentalisieren lassen.
Durch Hintergrundgespräche wächst Vertrauen. Nur so lassen sich meiner Ansicht nach qualifizierte Beiträge schreiben. Um Hajo Friedrichsen, einen Giganten des Journalismus, zu zitieren, den ich sehr verehre: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.“
Das ist tatsächlich im Lokaljournalismus die größte Herausforderung.
Es darf keine Scheu bestehen, auch Missstände zu benennen, wenn sie den Bekannten- oder Freundeskreis betreffen. Fairness ist dabei ein wichtiger Grundsatz. Mein Credo, das ich immer wieder Menschen in meinem Umfeld ungefragt mitteile: Ich werde schreiben, wenn etwas nicht gut läuft… Bei Dir, bei Ihnen. Aber ich sage vorher, dass ich es tue – und werde nicht nur den Vorwurf, sondern auch die Erläuterung der Betroffenen dazu veröffentlichen.
Auch das habe ich in meiner über 30-jährigen Redakteurinnenlaufbahn erleben müssen. Das ist nicht einfach und erfordert Haltung. Eine, die immer wieder hinterfragt werden muss.
Das genau macht für mich den Journalisten wie den Demokraten aus:
• im Gespräch bleiben
• offen sein
• Altes immer wieder neu denken
• Fakten prüfen – in unterschiedlichen Quellen – am besten immer an der Quelle, denn jeder Sachverhalt hat einen Ursprung
• nicht nur andere hinterfragen, sondern vor allem auch sich selbst.
Das ist anstrengend, das ist unbequem, das erfordert persönlichen Einsatz.
Und unsere Demokratie ist aktuell – auch in Jülich – fragil. Um sie zu erhalten und zu befördern, brauchen wir Begegnung, die Solidargemeinschaft der demokratischen Kräfte und Menschen, die unsere freiheitliche Ordnung tragen und verteidigen. Wir brauchen den Mut zu klaren Worten, klaren Linien und eine Haltung, wenn Grundwerte und Verfassungsprinzipien angegriffen werden.
Das ist aktueller denn je. Am 9. Juni war es in den Nachrichten zu hören: Die Anzahl politisch motivierter Straftaten hat 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Rechtsextremistisch motivierte Straftaten blieben insgesamt mit rund der Hälfte aller Fälle „mit Abstand“ der größte Bereich, wie Innenminister Alexander Dobrindt sagte. Verzeichnet wurden 42.544 Fälle rechtsextremistisch motivierte Straftaten.
Abschließend möchte ich aus der neuesten LP der Toten Hosen vier Textzeilen aus dem Stück „Was ist mit uns los“ zitieren, die meine persönliche Gemütslage treffend widergeben:
Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen
Wie groß unsere Freiheit ist
Was ist bloß los, dass wir wegschmeißen
Wonach die halbe Welt sich sehnt.
Der Text basiert auf dem Vortrag zum Demokratischen Abend im PZ der Zitadelle. Das Original im Podcast
















